Atemnot

   

Atemnot

Eine richtige Atmung ist alles andere als selbstverständlich, wie Studien zeigen. So sind in Amerika rund 60 Prozent aller Erste-Hilfe-Einsätze auf panikartiges Atmen zurückzuführen, rund ein Viertel der US-Bevölkerung lebt mit Atemproblemen. Der Berliner Fitness und Atemexperte Michael Mischor ist überzeugt: Die Hauptursache für falsche Atmung und deren teils schwerwiegende Folgen ist unser zunehmender Kontrollwahn.

TUSH    Falsch atmen – geht das überhaupt?
MICHAEL MISCHOR    Ja, und wir tun es leider viel zu oft. Wir manipulieren unsere Atmung ständig und versuchen, unseren Atemreflex entweder zu unterdrücken oder zu „verbessern“ – meist mit gegenteiligem Effekt. Dabei machen wir uns entweder zu viele Gedanken darüber, was Atmung bewirkt, oder zu wenig: Hauptsache, der Sauerstoff kommt irgendwie in den Körper. Das ist aber eine ganz falsche Annahme.

T    Wie und warum „veratmen“ wir uns denn?
MM    Das fängt schon beim Baucheinziehen an, nur um etwas schlanker zu wirken. Manch einer macht das permanent und unterdrückt so kontinuierlich den Atemfluss. Daraus können dann eine Reihe physiologischer und psychischer Probleme resultieren – von zwanghaftem Verhalten bis hin zum immer öfter auftretenden Burn-out.

T    Treffen sich hier zwei Phänomene, die gerne als „Modekrankheiten“ bezeichnet werden?
MM    Dieser Begriff trägt immer den Vorwurf der Hypochondrie mit sich – die Folgen einer falschen Atmung sind allerdings nicht zu unterschätzen. Tatsache ist, dass uns heute ein regelrechter Kontrollwahn anerzogen wird. Sprich: Wenn wir schon Umwelt und Leben bis ins kleinste Detail steuern wollen, machen wir auch vor unseren eigenen Körperfunktionen nicht halt. Leistungsfähigkeit wird mit Kontrolle gleichgesetzt, eine Auffassung, die oft die Wurzel allen Übels ist.

T    Welche Fehler machen wir denn am häufigsten?
MM    Tief durchatmen! Das kennt jeder. Wir glauben, damit einen „Reset“ erzwingen zu können und unserem Körper etwas Gutes zu tun. Gerade in Stresssituationen wäre es dabei besser, einmal richtig auszuatmen, als noch mehr Luftmasse in die Lungen zu ziehen. Denn dabei strengen wir den Brustkorb an und riskieren zusätzlich noch Muskelverspannungen im gesamten Torsobereich. Die häufigste Form verhaltensbedingter Atemstörungen ist allerdings die Hyperkapnie, die einer Hyperventilation gleicht. Sie ist das Ergebnis einer unterbewusst erlernten „Überatmung“.

T    Also wenn ich jetzt ständig hecheln würde, fiele das doch rasch auf.
MM    Das ist die gängige Assoziation des Laien, ja. Tatsächlich kann man es niemandem sofort ansehen, ob er richtig oder falsch atmet.

T    Wie sieht denn nun eine richtige Atmung aus?
MM    „Richtige“ Atmung ist immer die natürliche. Kein Säugling muss die Atmung erlernen, sie ist ein Reflex – eine richtige Atemtechnik kann es gar nicht geben! Ausschlaggebend ist die Situation und ob die betreffende Person die Atmung herbeiführt oder nicht. Falsche Atmung kann in einer Vielzahl von Problemen enden, dazu gehören eine Veränderung des pH-Wertes im Blut, Phobien, Depression … Aber auch Bluthochdruck oder Epilepsie, sogar Alzheimer und Herzinfarkt können die Folge sein.

T    Ich werde dement, wenn ich den Bauch einziehe? Das klingt etwas weit hergeholt.
MM    Auch wenn es keine direkte Folge davon sein mag, kann eine Hyperkapnie dennoch dazu führen. Unser vegetatives Nervensystem besteht unter anderem aus dem Sympathikus, mit dem wir aktiv Körperfunktionen beeinflussen können, und dem Parasympathikus, der diese unwillkürlich steuert. Er wird deswegen auch gerne als „Entspannungsnerv“ beschrieben. Der Mensch trainiert, zumindest in unserer Gesellschaft, nur die Leistung – also den Sympathikus. Aufmerksamkeit, Konzentration und innere Anspannung führen zu einer erhöhten Ausschüttung von Stresshormonen, wir arbeiten dann aktiv gegen alle „entspannten“ Vorgänge in unserem Körper, auch gegen die natürliche Atmung. Der Kohlenstoffdioxidgehalt des Blutes kann dauerhaft steigen, der pH-Wert des Blutes verändert sich, Herz und Nieren würden so über einen langen Zeitraum geschädigt und die nächtliche Blutreinigung beeinträchtigt werden. Eine Konsequenz davon könnte dann auch ein verminderter Abbau bestimmter Proteine sein, die letztlich für Demenz verantwortlich sind.

T    Im schlimmsten Fall.
MM    Klar, das hier Beschriebene ist ein Worst-Case-Szenario und nicht sehr wahrscheinlich – aber manchmal gewinnt ja auch jemand im Lotto.

T    Warum höre ich das nicht von einem Arzt?
MM    Ärzte beschäftigen sich nur selten mit dem Atemverhalten ihres Patienten. Ist der krank oder zeigt gewisse Symptome wie einen chronischen Husten, wird der Atemreflex getestet, Abstriche gemacht oder Blut abgenommen. Dann kommen die Daten aus dem Labor und die Diagnose wird erstellt. Geklärt wird nicht, wie sich sein generelles Verhalten auf die Atmung auswirkt – Faktoren, die man weder aus Zahlen lesen noch mit Medikamenten behandeln kann.

T    Ein Fall für den Psychologen?
MM    Eher weniger. Ein Psychologe analysiert zwar das Verhalten seines Klienten, stellt aber auch nur Vermutungen an und zieht dann seine Schlüsse. Mit wissenschaftlich ermittelten Daten wiederum setzt er sich nicht auseinander, das heißt, ein Psychologe kann nicht abschätzen, welche genauen physiologischen Folgen ein Kontrollwahn haben kann.

T    Du hast das Breathletics-Institut gegründet, dessen Coaches sich mit den sogenannten angewandten Atemwissenschaften beschäftigen. Sie helfen Menschen dabei, zu einem natürlichen Atemverhalten zurückzugelangen und so Probleme wie chronische Kopfschmerzen oder Übergewicht zu lösen. Wie funktioniert das – und was unterscheidet Breathletics von anderen Methoden?
MM    Derzeit gibt es viele atemtherapeutische und atempädagogische Ansätze – bessere und schlechtere –, um verschiedenste Probleme anzugehen. Breathletics ist jedoch die einzige Methode, die das Atemverhalten eines Menschen wissenschaftlich messen, analysieren und dann trainieren kann. Dabei geben wir unserem Klienten live ein Biofeedback, bei dem die Sauerstoff- und Kohlenstoffdioxidwerte zusammen mit Muskelspannung, Puls, Körpertemperatur und Herzfrequenzvariabilität gemessen und dargestellt werden. Zusammen ergeben diese Daten ein schlüssiges Bild des Atemverhaltens – ein Coach kann also schon in der ersten Sitzung an den Fakten erkennen, ob die Werte stimmen oder aber im Argen liegen.

T    Ohne eine Messung der Daten wäre Breathletics so fundiert wie esoterisches Handauflegen.
MM    Richtig. So sehen wir allerdings die direkten Zusammenhänge zwischen Gasaustausch, Herzfrequenz und Anoder Entspannung der Muskeln. Gleichzeitig unterziehen wir den Klienten einigen Tests, die sein Atemverhalten in verschiedenen Situationen prüfen – dieser „physio-psychologische“ Ansatz ist einzigartig.

T    Was geschieht dann?
MM    Im Folgenden versuchen wir, den Atem wieder in einen natürlichen Fluss zu bringen. Breathletics versteht sich als Gesundheitscoaching – wir suchen nach einer Lösung des Problems und arbeiten dann gemeinsam daran, individuell und ganzheitlich. Das Atem-Coaching ist keine Therapiesitzung, sondern als zielgerichtetes Training zu verstehen.