Grey Lake

   

Grey Lake

Sie ist jung, schön, gebildet – und ohne Job. Das wenige Geld, was sie hat, steckt die junge Frau in teure Kleidung und Parties: Es scheint keinen Ausweg zu geben aus der mütterlichen Wohnung. Streit ist vorprogrammiert, aus einer Obsession für Mode wird tiefe Depression. Am Ende ist die namenlose Schöne nackt, von Plastik bedeckt: Erstickt am eigenen Leben. Fotograf An Le hat sich mit seiner Bilderserie jenen düsteren Zeiten gewidmet, in denen sich eine hochqualifizierte Jugend von Praktikum zu Praktikum hangelt und keinen bezahlten Job findet, für den sie doch eigentlich bestens gerüstet sein sollte. Wir haben uns mit ihm in New York getroffen und ihn zu der so kontroversen wie ungewöhnlichen Modestrecke befragt. Ein Gespräch über Träume, Ängste und die Härte der Realität.

TUSH An, wie kamst du auf die Idee, ausgerechnet die Arbeitslosigkeit junger Menschen zu einem Modethema zu machen?
An Le Vor einiger Zeit las ich einen Artikel in der Daily Mail, in dem es um eine qualifizierte junge Frau ging, die hunderte Jobbewerbungen ausgesendet hatte und laufend Absagen kassierte. Daraufhin nahm sie sich das Leben, weil sie sich all ihrer Perspektiven beraubt sah. Die Geschichte blieb in meinem Kopf, schließlich sieht man gerade in New York unablässlich junge Menschen umherschwirren, die sich gut kleiden, ausgehen, Spaß haben. Alle sind kreativ und leistungsfähig – da fällt es einem schwer sich vorzustellen, dass manche davon einfach keinen Job finden und sich sogar zum Suizid entscheiden. Menschen tendieren dazu, in belastenden Situationen irrational zu handeln. So gibt man in emotionalem Stress gerne Geld aus, das man eigentlich nicht hat.

T Jeder kennt das von sich selbst, man geht shoppen oder isst sich die Sorgen von der Seele…
AL Ja, ganz genau. Das ist natürlich dramatisch und kommt verkitscht in jedem zweiten Hollywood-Film vor. Das Thema hat für mich durch diesen Artikel aber eine abgründig dunkle Seite bekommen, daher habe ich dieses Mädchen erfunden, das gerade von der Uni kommt und noch bei ihrer Mutter wohnt. Sie ist total vernarrt in Mode und gibt dafür all ihr Geld aus, um ihre Lebensumstände zu kompensieren. Die entstandenen Bilder sind vielschichtig und düster, ein Spiegel der Protagonistin.

 

T Viele der Motive zeigen die beklemmende Enge einer einfachen Wohnung im starken Kontrast zu den teuren Kleidern. Wie findet man ein solches Set?
AL Auf Craigslist! Ich habe tage-, wenn nicht wochenlang in meinem Bekanntenkreis nach der perfekten Wohnung gesucht, natürlich ohne Erfolg. Ein Freund machte mich dann auf diese Seite aufmerksam, die ich vorher immer für dubios hielt. Weil ich ja eh nichts zu verlieren hatte, stellte ich mein Gesuch einfach dort online, und kurz darauf meldete sich Gail bei mir. Ich traf mich mit ihr in dem kleinen Apartment und es war perfekt. Ich castete sie auch gleich noch als die Mutter des Models, die beiden passten wunderbar zusammen.

T Die Personen wirken alle seltsam vertraut, die Strecke wie eine Reportage. Die Mode scheint sich im Bild zu verlieren.
AL Das war mir ganz wichtig. Oft sieht man aufwendig produzierte Editorials, die Kleidung verherrlichen, aber jede Story zu kurz kommen lassen. Ich bette das Styling gerne ein in eine nachvollziehbare Handlung ein. Drama, im besten Sinne, gibt dem Look doch erst einen Sinn.

T Eine reale Tragödie zum Vorbild für ein Modeshoot zu machen, könnte manchen Betrachtern auch ziemlich oberflächlich erscheinen.
AL Aber darum geht es doch! Haare, Makeup, Kleidung – das ist die Oberfläche, die wir uns selbst schaffen. Die Mode an unseren Körpern ist nichts anderes als der Ausdruck unseres Inneren. Klar, das trifft nicht immer zu. Aber in diesem Fall ist das elegante Kleid oder die teure Bluse nicht nur ein hübsches Gimmick, sondern das Symbol für eine Sehnsucht nach einem besseren Leben. Das Mädchen in meiner Strecke wünscht sich nichts mehr als ein erfolgreiche Zukunft, Prada und Armani verheißen ihr genau das. Oberflächlich wäre es, aus der Verzweifelten ein glamouröses Fashionvictim zu machen. Sie ist Opfer einer Obsession, aber das äußert sich ganz anders.

T Die Strecke endet zusammen mit dem nackten Model unter einer Plastikplane. Das ist ziemlich offensiv.
AL Auch hier spielt die Mode eine große Rolle, oder vielmehr ihre Abwesenheit. Sie könnte wie in einem Hitchcock-Film im Abendkleid von der Decke hängen, aber am Ende ist sie allem beraubt: All die Statussymbole sind zusammen mit dem Lebensmut verschwunden. Es bleibt das verletzliche Fleisch und die Selbstaufgabe. Auch wenn es überdramatisiert erscheint: Ich finde es wichtig, konsequent zu bleiben und nichts zu beschönigen.

T Du hast deine Strecke mit Grey Lake, grauer See, betitelt. Das klingt ziemlich poetisch für eine solche Thematik.
AL Ich empfinde das nicht als unpassend oder übertrieben. Der graue See ist für mich die Welt dieses Mädchens, das zwischen der Realität und ihren Träumen, den Wunschvorstellungen lebt. Sie schimmt in diesem trüben, tristen Wasser aus Angst und Enttäuschung. Eine moderne Ophelia, die am Ende aufgibt und untergeht. Das ist so traurig, wie es schön ist – ganz wie die Mode selbst auch. Alles hat eine Schattenseite.

    Bluse und Rock: Altuzarra
    Hosenanzug: Blumarine
    Kleid: Prabal Gurung
    Kleid: Hérve Léger by Max Azria
    Anzug: Giambattista Valli
    Outfit: Prada
    Oberteil: Emporio Armani
    Outfit: Blumarine
    Kleid: Emporio Armani
    Robe: Alberta Ferretti