No Bra

   

No Bra

Ihre langen Haare fallen glatt über die linke Brust. Nur mit schwarzen Panties steht sie auf der Bühne, singt mit tiefer Stimme zu den disharmonischen Melodien, die ihr Mac ausspuckt. Der Blick leer, die Texte schwer. Sie ist nicht sexy. Sie ist No Bra. Sie ist eine Projektionsfläche für die Gedanken des Publikums.

Seit 2003 tritt Susanne Oberbeck mit ihrem Industrial-/Electroprojekt No Bra auf. Ursprünglich aus London, ist sie mittlerweile nach New York ausgewandert. Sie wurde von dem Saint-Laurent-Designer Hedi Slimane fotografiert, lässt sich in Hood by Air ablichten. Der gehauchte Song Doherfuckher erschien im Zombie-/Schwulenporno Otto; or up with dead people des kanadischen Nonkonformisten Bruce LaBruce, eine Ballettgruppe entwickelte ein Stück zu ihren Liedern. No Bra ist ein wichtiger Bestandteil der Sub-Popkultur. Und noch wichtiger wegen ihrer Gabe Menschen zum Nachdenken zu bewegen.

Ihre Wirkung auf der Bühne ist surreal. Zwischen kindlicher Unbeholfenheit und feministischer Stärke. Sie spielt mit dem Undefinierbaren, lässt sich nicht einordnen. Die männliche Stimme, die hängenden Brüste, die elfenhaften Haare. Brutaler Naturalismus à la Hauptmanns Die Ratten trifft auf Behauptungen wie: Das ist der neue Punk. Aber vor allem erinnert sie mit ihrer Understatement-Präsenz an Marina Abramovics Performance The Artist Is Present im MoMA New York. Die Performance, bei der sie 700 Stunden auf einem Holzstuhl saß, reglos die Besucher empfangend. Ihre Betrachter erzählten ihre Lebensgeschichten, weinten, ließen ihre Gedanken und Gefühle zu, die die starre Abramovic in ihnen auslöste. 

Susanne Oberbeck alias No Bra ist merkwürdig, im ursprünglichen Sinne des Wortes. Ihre Songs und ihre Performance sind speziell, schwer zu konsumieren. Aber möchte man bei so einer tiefgehenden, starken, faszinierenden Thematik von konsumieren sprechen oder sind es grade diese partiellen, schweren Stücke intelligenter Eigenart, die die Zuschauer vor der Bühne in den Bann ziehen? Ist es nicht das Schöne, dass sie bei jedem andere Gedanken auslöst? Sie keine austauschbaren, leichten Popsongs macht, die tatsächlich einfach konsumiert werden können? Sie ist eine Produzentin, die nicht nur Lieder, sondern Haltung kreiert. Ihre aggressive Naivität, die Nacktheit ohne sexy, das Negieren von Klischees – Susanne Oberbeck kann man nicht beschreiben, man muss sie erleben. Man muss sie fühlen.

NO BRA - MINGER MUSIC VIDEO