Portrait: EGON SCHIELE – Misty Pollen drückt sich aus und gewinnt

   

Portrait: EGON SCHIELE – Misty Pollen drückt sich aus und gewinnt

Knapp ein Jahr ist es her, dass Fotografin Misty Pollen die TUSH PORTRAIT Ausgabe mit einer Reminiszenz an Egon Schiele künstlerisch zart vervollkommnete.
Und noch heute bewährt sich die Strecke mit dem Titel Portrait D'Egon Schiele – denn die LeadAcademy nominierte sie nicht nur für die Hauptkategorie Mood- und Modefotografie des Jahres 2016, sondern verlieh Pollens Werk für die TUSH gestern auch noch den bronzenen LeadAward.
Zu sehen sind die Nominierten noch bis zum 30. Oktober  2016 in der Ausstellung "VisualLeader" in den Hamburger Deichtorhallen.
 


Misty POLLEN, geboren 1989, drückt sich künstlerisch in Fotografie, Styling, Performance und Textilien aus und veröffentlicht vor allem auf Instagram. »Ich probiere aus und nähere mich allem mit einer spielerischen Sensibilität, mache alles in einer Weise, wie ich sie vorher nie gesehen habe, und erweitere so mein Verständnis für das, was möglich ist. Gesellschaftliche Konventionen und die Vorbehalte, was ›akzeptabel‹ ist, betreffen einige von uns mehr als andere. Dazu gibt es Einschränkungen materieller Art und im Zugang 
zu Kleidung. Weil aber die Onlinepräsenz heute so eng verbunden ist mit unserer Persönlichkeit, ist sie ebenfalls eine Arena für das Spiel mit der Identität. Leute können es sich eher leisten, sich für Instagram zurechtzumachen, als wenn sie dies fürs Ausgehen täten. Ich denke, Streetstyle findet heute in den sozialen Medien statt. Jetzt ist die Zeit, die Grenzen zu testen, was dort machbar ist.«

TUSH Was berührt dich an SCHIELE, seiner Kunst, seinem Stil?
Misty POLLEN »Während ich an diesem Projekt arbeitete, habe ich mich mit Egon SCHIELES Werk intensiv beschäftigt und war tief beeindruckt, wie er bei seinen Modellen Gewänder und Kleider eingesetzt hat. Die Einbindung der Kleidung verändert den Effekt seiner Aktfiguren. Der Ausdruck der Modelle ist erotisch aufgeladener, als es in der historischen Tradition der Aktmalerei üblich war. In SCHIELES typischer Rauheit abgebildet, wirken die Details der Mode – rüschenbesetzte, gewellte Säume, die über der Haut liegen, Strümpfe in Edelsteintönen auf halber Höhe blasser Schenkel, nur ganz lose gehalten, verschränkte aufeinanderliegende Oberkörper, eingebettet in knittrige Umhänge – 
extrem provozierend auf mich. Wie ein Gegenentwurf zu dem, was heute als sexuell oder erotisch gilt. Ich muss einfach glauben, dass die Auswahl der Mode aus einer Kombination entsteht, einmal aus seiner eigenen bewussten Begierde heraus und dann aus den persönlichen Stücken, die die Modelle von der Straße mit in sein Studio brachten. Vielleicht ist es meine Projektion als Stylist, dass ich das so sehe. Aber von einem ähnlichen Background kommend, der Aktmalerei während meiner Ausbildung, weiß ich um die Bedeutung des Arrangierens der Haltungen und Posen der Modelle und ihrer Kleidung. Ich bilde mir ein, dass meine Arbeitsweise für dieses TUSH-Editorial seinem Bestreben im Studio nahekommt.«

Synopsis
Egon SCHIELES starker und (noch heute) erschütternd wirkender Realismus steht unter der Idee der großen Mächte von Leben und Tod, Werden und Vergehen. Seine Erotik, die plastische Greifbarkeit des Körpers, hat nichts gemein mit der dekadenten, genüsslichen Pikanterie, die in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg (1890 bis 1914) üblich war, die als Fin de Siècle (Ende des Jahrhunderts) bezeichnet wird. Sie erscheint vielmehr als ein Ausdruck der Unerlöstheit des Menschen und als leidvoll zu tragende Bürde. Von Anfang an auf Wahrhaftigkeit zielend, begibt sie sich fast zwangsläufig auf den Boden der Provokation. Wie selten sonst fallen bei SCHIELE die Schranken, tritt Sexualität mit schonungsloser Offenheit hervor; auch dokumentiert durch eine die erotische Wirkung der Aktfiguren steigernde Verwendung von modischen Accessoires und Kleidungsstücken, die mehr der wirkungsvollen Enthüllung als dem Verbergen dienen. Schieles Erotik, oftmals begleitet von einem Ausdruck beinahe kindlich-naiven Staunens, kann unversehens die Züge hilflosen Entsetzens und tiefster Ausweglosigkeit annehmen. Viele seiner exhibitionistischen Selbstdarstellungen spiegeln diese Panik und eine geradezu an Hysterie grenzende Angst wider. Immer aber stößt SCHIELES Kunst in die unauslotbaren Tiefen menschlicher Beziehungen vor. Mann und Frau werden als eine Schicksalsgemeinschaft verstanden, die sie zu Leidensgefährten macht, nicht aber der Einsamkeit entbindet. SCHIELES Erotik klammert den Tod nicht aus. Diese beiden das menschliche Leben so bestimmenden Gewalten sind vielmehr eng miteinander verschwistert. »Alles ist lebend tot«, schreibt der Künstler zu der Zeit, als das Gemälde »Tote Mutter« (1910) entsteht, in dem das beginnende Leben bereits vom Mantel des Todes umhüllt ist. Der Kreislauf von Geburt und Tod, Werden und Vergehen vollzieht sich unter dem Vorzeichen eines von tiefem Pessimismus geprägten Weltbildes, über dem der Druck melancholischer Trauer und unbestimmter Sehnsucht lastet. Der überaus sensible, erst langsam sich findende junge SCHIELE wird davon mit doppelter Härte getroffen. Vielleicht liegt in dieser Aussage seiner Kunst der tiefere Grund dafür, dass ihr Erfolg ständig zunimmt und ihr Wirkungsradius immer weitere Kreise erfasst. Am 12.6.1890 wird Egon SCHIELE in Tulln an der Donau, einem Städtchen vor den Toren Wiens, geboren. 1905 stirbt der Vater. Egon bleibt mit seiner Mutter und Schwester, die ihm auch Modell steht (ein inzestuöses Verhältnis wird später vermutet) einsam zurück. Das Verhältnis zur Mutter beschreibt er in Briefen so: »Meine Mutter versteht mich absolut nicht und liebt mich nicht besonders.« Im Herbst 1906 beginnt er das Studium an der Akademie der bildenden Künste in Wien, bezieht 1907 sein erstes eigenes Atelier, hier entstehen die ersten berühmten Selbstbildnisse und Aktbilder. Schon 1909 erkennt der Publizist Arthur ROESSLER die Bedeutung des damals 19-Jährigen. In der Folge rührt er für den jungen Künstler die Werbetrommel, führt ihn in die wenigen Sammlerzirkel der Stadt ein und vermittelt ihm damit seine ersten Aufträge. Das Jahr 1910 gilt als entscheidender Wendepunkt in SCHIELES Kunst und als sein Durchbruch zum Expressionismus. Mit gerade 20 Jahren erfasst ihn ein an Besessenheit grenzender Schaffensdrang – unter anderen entstehen die Werke »Die Hämische«, »Tote Stadt« und »Schwangere und Tod«. 1911 erste Kollektivausstellung in Wien und Lebensgemeinschaft mit Wally NEUZIL. Zunächst nur eines von mehreren Modellen spielt die junge Walburga (geb. 1894) im Leben und Werk SCHIELES bald eine Schlüsselrolle – in einer Zeit, als Künstlermodelle als wertlose Frauenzimmer gelten, als »zufällige Anregungsmittel« wie »Alkohol, Nikotin, schwarzer Kaffee«, wie Egon FRIEDELL, österreichischer Schriftsteller, Theaterkritiker, Schauspieler und Kulturhistoriker, es ausdrückte. Egon SCHIELE scheint besessen von dem rothaarigen Mädchen mit den großen blauen Augen. Das legendäre »Bildnis Wally Neuzil« entsteht 1912. Während er mit seinem Werk sich selbst, seine Vision vom Künstler, erschuf, erschloss ihm Wally doch zugleich vieles dafür Notwendige: eine offene Sexualität, die sich aus allen Zwängen und Gefährdungen des Jugendlichen heraus entwickelte; das heißt, Emotionalität auf Augenhöhe, Beziehungsfähigkeit und damit auch ein stabileres, verlässliches Selbst. Das vor und während der Beziehung entstandene Frühwerk SCHIELES gilt als der kunsthistorisch bedeutendste Teil seines Œuvres. Dafür waren äußere und innere Abenteuer zu bestehen. Wally hat ihm ermöglicht, seine Horizonte zu erkunden, ihr herausfordernder Blick leitete seine Männlichkeit, förderte seine Selbstbestimmtheit. Sie führte ihn durch das Reich seiner Schatten. Eine Beziehung, die zeigt, dass abseits vom Schein oberflächlicher Gleichberechtigung ein zutiefst positiver Umgang möglich ist und wie sich durch von außen kaum zu beurteilende Verflechtungen eine gegenseitig motivierte Selbststeigerung ereignen kann. SCHIELE ist ein Freigeist, ein künstlerischer Revolutionär, seine Bilder provozieren: 1912 Verhaftung wegen Verbreitung unsittlicher Zeichnungen. Nach 24 Tagen Entlassung. »Von meinen nächstbekannten rührte sich niemand außer Wally, die ich damals kurz kannte und die sich so edel benahm, dass mich dies fesselte …« (Brief Egon SCHIELES, 25. Januar 1914). Und doch: SCHIELE verlässt Wally, heiratet am 17. Juni 1915 Edith HARMS, Tochter aus gutem Hause. Freunden gegenüber macht er keinen Hehl daraus, dass seine Entscheidung rein materiellen Beweggründen folgt. Vier Tage später Einberufung zum Militärdienst nach Prag. SCHIELE vollendet 1915 eines seiner Hauptwerke, »Mann und Mädchen«, das den Maler und seine Muse in einer eigentümlich schmerzlichen Umarmung zeigt. Das Gemälde wird vielfach als sein Abschiedsbild von Wally gesehen. Am 28. Oktober 1918, drei Tage, bevor der Erste Weltkrieg zu Ende geht, stirbt Edith, die ein Kind erwartet, an der spanischen Grippe. Das eingefallene Gesicht der Kranken hat ihr Ehemann wenige Stunden vor ihrem Tod noch gezeichnet, mit schwarzer Kreide, zwei Skizzen auf weißem Papier. Drei Tage später fällt auch Egon SCHIELE der Epidemie zum Opfer. Wally NEUZIL stirbt fast ein Jahr vorher, im Dezember 1917 an Scharlach, in Split, wo sie als Krankenpflegerin eingesetzt war. Ihr Begräbnisort ist unbekannt. Als SCHIELE von ihrem Tod erfährt, ändert er den Titel von »Mann und Mädchen« in »Tod und Mädchen«.