Regisseur Fatih Akin im Interview

Gast

06. December 2012

"Müll im Garten Eden", der neue Film von Fatih Akin

Kinostart: 06. Dezember 2012

Weitere Informationen unter Pandora Film Verleih und Facebook.

Portrait: Cineastentreff

Heute feiert Fatih Akins erste Langzeitdokumentation „Müll im Garten Eden" Premiere – 2005 besuchte der gefeierte Regisseur von „Soul Kitchen“ und „Gegen die Wand“ Çamburnu, das Heimatdorf seiner Großeltern und erfuhr vom Bau einer umstrittenen Mülldeponie. Sieben Jahre später präsentiert er in seinem neusten Werk die Ausmaße eines handfesten Umweltskandals. Wir haben den Regisseur zum Interview gebeten und über stille Kämpfe, Durchhaltevermögen und Abfalltrennung gesprochen:

Wieso ausgerechnet die Türkei als Garten Eden?
Ich pflege zu der Türkei und der Region um Çamburnu eine sehr tiefe Verbundenheit, schon morgens steigt einem der Geruch der Teeplantagen in die Nase und der Dampf über den Feldern strahlt etwas einzigartig Verwunschenes aus. Als ich dann den angrenzenden Friedhof mit den alten Grabsteinen sah, wusste ich: So kann es nur im Himmel aussehen.

Die Ausschnitte deiner Dokumentation sind sehr emotional, die Verantwortlichen der Mülldeponie lassen sich jedoch nicht beirren und zeigen keinerlei Einsicht. Wie schafft man es in so einer Situation ruhig zu bleiben?
James Dean hat einmal gesagt: „Wichtig ist nicht ob die Figur weint, sondern ob der Zuschauer weint.“ Der Film macht beim Betrachten unglaublich wütend, das habe ich durchaus so beabsichtigt, weil ich selber so wütend über den Zustand war. Wäre ich durchgehend selber anwesend gewesen, wäre das nicht sonderlich gut ausgegangen (lacht). Das Besondere an dem Film ist, dass die betroffenen Dorfbewohner ihre Wut zügeln und ich nur „Hilfe zur Selbsthilfe“ gegeben habe. Stattdessen wird der Zuschauer immer wütender, wenn er würdevollen Menschen beim stillen Kampf gegen offensichtliche Ungerechtigkeiten zuschaut.

Inwieweit wolltest du mit deiner Dokumentation das Publikum beeinflussen, beziehungsweise das türkische Publikum auf die Misslage in ihrem Land hinweisen?
Erst einmal habe ich den Eindruck, dass die türkische Jugend nur wenig Interesse an politischen Fragen zeigt. Wichtige Themen wie Umweltbewusstsein und ein verantwortlicher Umgang mit Ressourcen sind schwer zu fördern, gerade auf dem Land ist es schwierig die Leute in ihren Gewohnheiten zu stören. Sie gehen teilweise ganz anders mit Müll um, so wird organischer Abfall ans Vieh verfüttert und Plastikflaschen dienen als Aufbewahrung für Olivenöl. Mein Film versucht die Menschen aufzurütteln ohne belehrend oder didaktisch zu sein. Selbst wenn er illegal heruntergeladen wird, Hauptsache der Film wird geguckt und bleibt im Kopf!

Glaubst du denn, dass das Medium Film die Macht hat den Zuschauer in seinem Alltag zu verändern?
Definitiv, selbst mein fünfjähriger Sohn hat nach dem Sichten des Rohschnitts festgestellt, dass „Müll im Garten Eden“ korrupten Tatsachen auf den Grund geht und die Bevölkerung unter dem Errichten der Mülldeponie leidet. Ich bin Bildermacher, das ist mein Beruf, und nichts hat mehr Macht als Bilder.

Hat sich denn dein eigenes Leben dadurch verändert?
Der Film war auf jeden Fall ein Lehrstück in Sachen Geduld. Fünf Jahre beobachten, drehen und dabei versuchen einen brauchbaren Film zu erzielen, braucht sehr viel Geduld. Ich bin ein ungeduldiger Mensch und impulsiv, jetzt weiß ich einmal mehr, dass es sich lohnt geduldig zu sein. Beim Thema „Müll“ habe ich natürlich auch aufgeholt und mir von meiner Frau beibringen lassen, den Abfall ordentlich zu trennen. (lacht)

Ist die Mülldeponie exemplarisch gesehen ein Auswuchs unserer Gesellschaft, die sich ständig neu erfindet?
Krass gesagt, ist Müll der Kot unserer Gesellschaft. Es gibt in dem Film eine Szene, die genau diesen Zustand auf den Punkt bringt: Ein völlig überladener LKW fährt in Richtung Deponie und lädt Massen an Müll aus, fast sieht es so aus, als würde der Laster in seiner eigenen Gülle versinken. Ich bin kein Müllexperte, aber gerade um die Weihnachtszeit konsumieren wir immens viel und müssten uns eigentlich viel öfter selbst daran erinnern, verantwortungsvoll mit unserem Abfall umzugehen.

 

 

MÜLL IM GARTEN EDEN - Trailer