Totgesagte rocken länger

   

Totgesagte rocken länger

Rockmusik ist tot. Der Gott junger Menschen, das singt Marilyn Manson frei nach Friedrich Nietzsche, sei angesichts des neuen Zeitalters endlich hinüber. 1999 klingt das sehr plausibel, schließlich hatten sich alle Schockrocker vergangener Tage längst in den Balladen-Ruhestand begeben oder gingen nun seltsame Duette mit Popsternchen ein. Eine traurige Zeit, in der selbst Neues von David Bowie nach altem Jazz klang und die Nine Inch Nails über ihren eigenen Instrumenten einschliefen. Knapp 15 Jahre später hat sich nicht viel geändert, im Gegenteil. Rockstars schwimmen, wie alle arrivierten Vollidioten, auf der Grünen Welle. Machen morgens Yoga, trinken Smoothies und wollen am liebsten die ganze Welt retten. Ungepflegte Selbstzerstörung, Drogenexzesse und infame Bühnenshows zählen zu jenen halblegendären Anekdoten, die Alice Cooper in der Kantine zwischen den Werbedrehs mit Saturn oder Staples erzählt. Selbst Gene Simmons, der böse KISS-Krieger, zeigt lieber MTV sein plüschig-weißrosa Eigenheim in Beverly Hills als Groupies seinen zerkloppten Tourtrailer. Er ist es auch, der dem Rock im Interview mit Rolling Stone erneut den Tod attestiert. Und niemanden stört es. 

Doch dann kommt wieder einer durch die Tür gebrochen, den man tatsächlich seit einiger Zeit für tot hielt: Marilyn "Rock is Dead" Manson himself. Er, das sieht man, hält nichts von Saftdiäten und Urlaub. Der unsympathische Schwerstalkoholiker ist sich und seiner Zunft treu geblieben und sucht erneut die Konfrontation mit den Gutmenschen. Wen die Ankündigung seines neuen Albums "The Pale Emperor" nicht schockte, der erboste sich zumindest über sein (natürlich meisterhaft gnadenlos inszeniertes) Vergewaltigungsvideo mit Lana Del Rey.

Und weil das auf jeden Fall nicht genug ist, schießt Manson noch vor Weihnachten ein erstes Musikvideo zum Song DEEP SIX (Inszeniert vom angesagten Visual Artist Bart Hess) hinterher. Der Titel passt, bezieht er sich doch auf die berühmte six-feet-under Grabestiefe in den USA. So tot und begraben die amerikanische Rockmusik also sein mag: Sie schallt ganz schön heftig aus den Tiefen empor.

Marilyn Manson – Deep Six (Explicit)