Bildererzähler

Guy Bourdin und Helmut Newton: Eine Lektion in Radical Chic

Eine rothaarige Frau klammert sich fest um den Hals eines springenden Delfins. Ihr Haar und der Badeanzug glänzen im selben Farbton – im Hintergrund der blaue Himmel. Hat die Frau Angst oder ist es eine liebevolle Umarmung? Ihr Blick lässt auf letzteres schließen: verführerisch, ja gar lasziv sucht sie die Nähe des Tieres. Ihr Mund leicht geöffnet.

Die Helmut Newton Foundation zeigt seit dem 1. Dezember die Werke des französischen Fotografen Guy Bourdin und stellt sie denen Helmut Newtons gegenüber. Bourdin wird als Image Maker beschrieben. Newton als A Gun of Hire, weil er von Chanel bis Yves Saint Laurent so ziemlich jeden Modekunden abfeuerte. Was zunächst gegensätzlich erscheint, findet schnell einen gemeinsamen Nenner. Guy Bourdin schafft es Fragezeichen in den Köpfen der Menschen aufpoppen zu lassen. Seine Fotografie lässt dabei viel Raum für Interpretation – genauso wie die von Helmut Newton.

Mario Valentino 1998 Foto Helmut Newton Courtesy of Helmut Newton Estate

Die Beine einer Frau sind in rote Strümpfe gehüllt. In derselben Farbe ihr Lack-Rock und die High Heels.

Newton und Bourdin gehören zu den wichtigsten Modefotografen des 20. Jahrhunderts. Beide spielen mit der Provokation, prägen den Radical Chic. Ob in Form von nackter Haut oder mit einer surreal inszenierten Wirklichkeit. Wie nah die Delfine in der Kampagne für den französischen Schuhhersteller Charles Jourdan der Realität tatsächlich kommen, darf jeder für sich selbst entscheiden. Bourdin arbeitet mit dem Auge eines Malers. Ein Bildermacher, der statt eines Pinsels lieber den Auslöser drückt. In seinen Bildern ist nicht die Mode im Mittelpunkt, sondern eine unausgesprochene Geschichte.

Charles Jourdan 1975 Foto Guy Bourdin Courtesy of Luise Alexander Gallery

Sowohl für Bourdin als auch für Newton ist Rot eine wichtige Farbe. Sie ist Zeichen der Provokation, der Erotik. Besonders Newton lässt seine Models gerne nackt posieren. Stark, nicht unterwürfig. Grenzen zwischen wahren Gegebenheiten und Inszeniertem verwischen auch hier. Fast szenisch wirken seine Bilder, in denen er eine zeitlose Ästhetik kreiert.

Thierry Mugler, Mailand 1998 Foto Helmut Newton Courtesy of Helmut Newton Estate

Zeitgleich werden im June Room der Helmut Newton Foundation die Bilder von Angelo Marino gezeigt. In diesem Ausstellungsbereich dürfen nur engen Freunden und Wegbegleitern Newtons ihre Arbeit präsentieren. Marino war lange Zeit Newtons Assistent und nimmt den Besucher mit auf eine Reise nach Südfrankreich. Mit seinem Smartphone dokumentiert er seinen Arbeitsweg von Cannes nach Monte Carlo.

Another Story, Week 44, CAGNES 2014 Foto Angelo Marino
Another Story, Week 44, EZE-SUR-MER 2014 Foto Angelo Marino
[Text]
Amelie Roth
[Foto ]
Charles Jourdan Spring 1975 Guy Bourdin Courtesy of Louise Alexander Gallery
Dezember 12, 2017
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