Daurwelle

Influencer haben es nicht leicht. Kaum jemand steht öffentlich dazu, sie zu mögen

Influencer haben es nicht leicht. Kaum jemand steht öffentlich dazu, sie zu mögen. Liegt’s nur an der Bezeichnung? Nicht einmal Deutschlands erfolgreichste Influencerin selbst, Caro Daur, kann sich mit dem Begriff anfreunden.

Der sichtbare Teil ihrer Arbeit – ihr zur Schau gestelltes Leben – ist für Firmen die ideale Werbefläche. Millionen schauen zu, wenn sie in neue Schuhe schlüpft oder mit Pizza posiert. Fotos von schönen Orten, Outfits, edlen Hotelzimmern, Dinnerpartys, dazu ab und zu ein Video aus dem Zimmer im Elternhaus in Seevetal bei Hamburg – damit füttert Caro Daur Follower wie Firmen. Was einst neben dem BWL-Studium mit Fotos vor der Haustür oder dem Urlaub startete, ist heute ihr Business. Die Uni kann warten. Ihre Fangemeinde schätzt Nahbarkeit und Authentizität. Mehr als eine Million folgt ihr bei Instagram. Klar, dass sich auch große internationale Fashion-Labels durch Kooperationen einen Gewinn versprechen. Dafür muss sie dann jeden ihrer Schritte festhalten. Das macht sie selbst oder drückt jemandem ihr Zweithandy in die Hand. Der Anspruch ist hoch – an die zufällig ausgewählten Kurzzeitassistenten, die Bilder liefern sollen, aber auch an sich selbst. Caro Daur liebt Perfektionismus. So ist Authentizität zu kommunizieren harte Arbeit, rund um die Uhr. Für TUSH lässt sie einen Moment los – vom Ersthandy und vom gewohnten Look.

Lippen »Rouge Dior Liquid 162 Miss Satin<< DIOR & Total Look alles DIOR (gesehen bei Unger Hamburg)
Teint (Orange) »Dior Rouge Double Rouge 534 Tempting Tangerine«, (Rot) »999 Mattet Metal, (Pink) »582 Spicy Sweet« & Total Look alles DIOR

Wie findest du die Bezeichnung Influencer?
Etwas schwierig, weil die Bezeichnung so negativ behaftet ist. Zudem gibt es keine direkte Jobbeschreibung zu dem, was ein Influencer macht. Das Wort wird inflationär benutzt. Es bedeutet ja im Grunde nur, dass man eine bestimmte Reichweite hat und eben Leute beeinflusst. Ich werde sehr oft belächelt oder auch gefragt: „Und was machst du sonst im Leben?“, wenn ich sage, mein Job sei Influencer. Das ist schade. Ich will nicht jammern, aber ich arbeite sehr viel und diszipliniert. Ich habe die Aufgaben eines Managers, Models, Travelagents, Stylisten – zu meinem Alltag gehören Partnerschaften auswählen und umsetzen, Verträge verhandeln, E-Mails beantworten, Logistik der Musterteile koordinieren, Interviews geben, Fotoshootings planen und durchführen, Postingtexte formulieren und die Leute immer via Instagram-Story live mitnehmen. Mein Instagram beschreibt mich als Person, ich zeige zudem auch die Leute, die mich begleiten: meine Mutter, meine Schwester, mein Umfeld. Der Großteil meiner Instagram-Bilder ist keine Markenplatzierung.

Das heißt, nur bei einem kleinen Teil steckt ein Deal dahinter?
Ja, und wenn es einer ist, ist alles immer 100 Prozent ich. Was man außen nicht sieht, ist, wie viel ich auch absage. Ich mache nur, was von Herzen kommt, wo ich hinterstehe! Ich fühle mich wie das Mädchen von nebenan. Mir ist wichtig, immer ehrlich und authentisch zu sein.

Lippen »Rouge Dior Liquid 442 Impetuous Satin« & total Look alles DIOR
Lippen »Rouge Liquid 565 Versatile Satin« & total Look alles DIOR

Du bist Produkt, Inhalt, alles. Es dreht sich immer nur um dich, nervt das nicht auch dann und wann?
Meine Family erdet mich. Und bei vielen Events bin ich ja auch eine von vielen. Zudem bin ich ein Gemeinschaftsmensch und immer ich selber. Deshalb stresst es mich auch nicht, wenn zum Beispiel eine Kamera läuft oder ich „beobachtet werde“. Es ist ein Job und ich lebe und liebe ihn! Natürlich hat auch der Schattenseiten. Und da gehören Druck, öffentliche Kritik und Neid leider dazu.

Was, glaubst du, erhoffen sich große Firmen, wie z. B. Dolce & Gabbana, von einer Zusammenarbeit mit dir?
Ich habe meinen eigenen Stil, zeige ihn auf meinem Profil – und diesen scheinen Marken zu mögen. Das ehrt mich sehr. Ich denke nicht von mir, dass ich ein Stylevorbild bin. Wenn mir jemand dieses Kompliment macht, laufe ich eher rot an. Die Brands, die mit mir arbeiten wollen, sehen natürlich auch meine Reichweite. Aber sie sind für mich ja auch „Traumpartner“! Sie wünschen sich eine Story zu ihren Sachen, die sie mit mir bekommen. Wenn dabei auch noch Freundschaften entstehen, ist das wie in jedem Job das Wertvollste!

Wie denkst du über die Zukunft?
Das ist auch für mich die spannendste Frage! Ich habe aber darauf leider keine Antwort. Wenn es kein Instagram mehr geben wird, wird sich etwas Neues entwickeln. Ich denke aber grundsätzlich, dass sich die gesamte Welt immer stärker digitalisiert! Aber es eröffnen sich auch abseits von der digitalen Welt so viele Möglichkeiten. Ich denke positiv und pragmatisch und schaue nach vorne. Wenn sich eine Türe schließt, wird sich eine neue öffnen.

Wonach wählst du deine Kooperationspartner?
Ich wähle die Partner, die zu mir passen und die ich persönlich mag! Als Dolce & Gabbana mir die erste Mail schrieb, dachte ich, es wäre ein Fake. Aber als ich dann dreimal anrief und nachfragte, bin ich vor Freude geplatzt. Wenn eine Anfrage von einer Marke kommt, mit der ich mich nicht identifizieren kann, sage ich ab. Manchmal kann ich schwer Nein sagen, lass mich „überreden“, da arbeite ich dran. Es gab einen Post, bei dem ich mich nicht wohlgefühlt habe. Da konnte ich schon nicht schlafen – da bin ich wirklich sensibel. Es muss genau passen!

Ruft dein Erfolg auch Neider auf den Plan?
Ich habe eine tolle Community um mich herum. Ich habe auch das Gefühl, dass Instagram positiv und eher Facebook „böse“ ist. Manchmal höre ich hinterm Rücken: Der oder die hat das und jenes gesagt. Ich wundere mich dann, da proaktiv nie jemand direkt auf mich zukommt. Obwohl mir das lieber wäre. Ich möchte über Probleme sprechen und sie lösen. Wenn Menschen urteilen, kategorisieren und Unwahrheiten erzählen, macht mich das traurig.

Welche Botschaft möchtest du kommunizieren?
Ich finde wichtig, dass man sich gegenseitig etwas gönnen kann. Ich versuche nicht, nach rechts und links zu schauen, stehe zu Schwächen und Fehlern. Ein Prinzip, nach dem ich strebe, ist Altruismus. Es bedeutet Uneigennützigkeit, Selbstlosigkeit, durch Rücksicht auf andere gekennzeichnete Denk- und Handlungsweise. Es ist nicht zwangsläufig durch meinen Job vermittelbar, aber ich möchte dem Ansatz nach leben. Zudem würde ich mir wünschen, dass weniger in Schubladen gedacht wird.

Dior Rouge Liquid 999 Matte

Dior Rouge Liquid 442 Impetuous Satin

Dior Rouge Liquid 162 Miss Satin

Dior Rouge Liquid 565 Versatile Satin

Dior Rouge Liquid 589 Fab Satin

[Text]
Laura Dunkelmann
[Foto & Realisation]
Armin Morbach
[Tattoo Artist]
Stefanie Hübscher
[Make-up]
Kathinka Gernant/Unspokenagency
[Maniküre]
Ilona Wriede/Ballsaal Artist Management
[Styling]
Lynn Schmidt
[Model ]
Caro Daur
[Bildbearbeitung]
Sebastian Reuter
[Fotoassistenz]
Bastian Achard, Matic Blatnik
[Haarassistenz]
Florian Ferino
November 29, 2017
TUSH 41
Archiv
Impressum / Imprint
Datenschutz / Privacy Policy