Verkopft

Alessandro Michele präsentierte den "Gucci Cyborg"

Das Replikat des eigenen Kopfes unter den Arm geklemmt, ein Reptil zum Kuscheln, als Location ein OP-Saal – Guccis Runway-Show gestaltete sich vorhersehbar ungewöhnlich.

Seit Alessandro Michele bei Gucci Kreativdirektor ist, ist auch eine Grundsatz-Debatte Teil jeder neuen Kollektion. Die letzten Programmpunkte: Post-Humanismus und Post-Identität. Traditionelle Konzepte des menschlichen Daseins sollten vergessen werden. Und damit wohl auch ein bisschen die Mode.

Was Thematik einer Philosophiestunde sein könnte, war Grundlage der Herbst/Winter 2018 (Freak-) Show von Gucci. Inspiriert von Donna Haraways „A Cyborg Manifesto“ erweckte auch Michele seinen persönlichen Cyborg – der Titel seiner Show – zum Leben. Ein Hybrid, der keine Herkunft hat, kein Geschlecht und auch keine konstante Identität nahm die Position seiner Muse ein. Seine Ideen zum Aussehen der Kreatur waren ähnlich konkret: Augen auf den Händen, Doppelköpfe und Faun-Hörner. Ob er sich wohl auch so intensiv mit dem Design seiner Entwürfe auseinandergesetzt hat? Für mehr Faszination sorgte nämlich tatsächlich die Gestaltung der Show.

Im Hinblick auf die Mode steht zumindest eines fest – wiederkehrende Trends versucht Michele grundsätzlich strikt zu vermeiden. Es muss originell, sowie sensationell sein. So ersetzte zum Beispiel ein kleiner Drachen bei der Show die Handtasche als Accessoire. Dieses Bild wird wohl aber zukünftig nur als Repost auf unzähligen Instagram-Accounts zu sehen sein und nicht auf der Straße.

Für den Alltag sind andere Teile der Kollektion deutlich besser geeignet. Fragwürdig ist allerdings, ob sie auch in der wilden Kombination getragen werden wie Gucci sie gezeigt hat. Auch hier ließ sich Michele scheinbar von der Eigenschaft eines Hybriden, alles sein zu können, inspirieren. Der Stil der Outfits erinnerte an die Mischung aus einer russischen Matrjoschka und einer Geisha. Der amerikanische Einfluss wurde durch die Logos der New York Yankees und Paramount Pictures deutlich. Aber steht hier überhaupt noch die Mode im Fokus? Da ist sich das Publikum wahrscheinlich auch nicht ganz einig. Und irgendwie scheint das auch egal zu sein.

 

[Text]
Judith Kersting
[Titelbild]
Courtesy of Gucci by Dan Lecca
[Slideshow]
Courtesy of Gucci
Februar 26, 2018

TOPOLINO for ISSUE N° 41

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