Was die meisten an Longevity falsch verstehen

Harvard Forscher Prof. Dr. Michael Detmar erklärt uns den eigentlichen Sinn des Hypes

Prof. Dr. Michael Detmar ist Lymphologe und Dermatologe und hat über  20 Jahre an der Harvard Universität und der ETH Zürich die Rolle der Lymphgefäße für Hautgesundheit und Alterungsprozesse erforscht. Zudem ist er Gründer von Iräye, einer wissenschaftlich fundierten Skincare-Marke, die gezielt auf die Unterstützung des Lymphsystems und die langfristige Hautgesundheit setzt. Im Gespräch mit Fabian Hart erklärt Prof. Dr. Michael Detmar, was Longevity wirklich bedeutet und wie man gesund altert.

Welche fünf unterschätzten Aspekte der Longevity halten Sie heute für besonders relevant – jenseits der üblichen Empfehlungen?

Meiner Ansicht nach gibt es mehrere wichtige Aspekte der Longevity, die noch immer unterschätzt werden. An erster Stelle steht die Gesundheit des Lymphsystems, das eine zentrale Rolle bei Entgiftung, Immunregulation sowie bei der Reparatur und Regeneration von Gewebe spielt. Zweitens ist die Qualität des Schlafs entscheidend, da während des Schlafs wesentliche Reinigungs- und Reparaturprozesse im Körper stattfinden. Drittens ist die chronische, niedriggradige Entzündung ein wichtiger Faktor, der viele altersbedingte Erkrankungen in verschiedenen Organen – darunter Gehirn, Kreislaufsystem und Haut – mit antreibt. Viertens ist die Mikrozirkulation relevant, also die kleinen Blutgefäße, die das Gewebe mit Sauerstoff und Nährstoffen versorgen und deren Funktion mit zunehmendem Alter oft nachlässt. Und schließlich werden auch soziale Interaktionen zunehmend als wichtiger Faktor für Gesundheit und Langlebigkeit erkannt.

 

Wie beurteilen Sie die Rolle des Lymphsystems und der Gefäßgesundheit für gesundes Altern?

Das Lymphsystem ist eines der am meisten unterschätzten Systeme im menschlichen Körper. Es ist dafür verantwortlich, überschüssige Flüssigkeit, Stoffwechselabfälle und entzündungsfördernde Moleküle aus dem Gewebe zu entfernen und gleichzeitig Immunreaktionen zu koordinieren. Damit steht das Lymphsystem im Zentrum von Longevity, indem es eine effiziente Reinigung des Gewebes von Toxinen und schädlichen Abfallprodukten ermöglicht und zugleich die Immunfunktion des Körpers unterstützt sowie Entzündungen reduziert. Forschungsergebnisse zeigen zunehmend, dass die Funktion des Lymphsystems mit zunehmendem Alter nachlässt, was zu eingeschränkter Organfunktion, chronischer Entzündung sowie beeinträchtigter Gewebereparatur und -regeneration beitragen kann. Die Aktivierung des Lymphsystems scheint daher ein besonders vielversprechender Ansatz zu sein, um gesundes Altern zu fördern. Gleichzeitig bestimmt die Gesundheit der Blutgefäße, wie gut Gewebe mit Sauerstoff und Nährstoffen versorgt werden. Gesundes Altern hängt daher wesentlich vom Gleichgewicht zwischen Blutkreislauf und lymphatischer Drainage ab – auch in der Haut.

Welche weniger offensichtlichen Stressfaktoren beeinflussen Longevity maßgeblich?

Neben bekannten Faktoren wie unausgewogener Ernährung, Bewegungsmangel oder Schlafdefiziten gibt es subtilere Stressoren, die sich im Laufe der Zeit summieren. Dazu gehören chronische niedriggradige Entzündungen, eine beeinträchtigte Flüssigkeitszirkulation im Gewebe, Umweltbelastungen wie Luftverschmutzung sowie eine permanente digitale Reizüberflutung und kognitive Überlastung. Diese Faktoren wirken häufig unbemerkt, können jedoch langfristig das Gleichgewicht des Immunsystems, die Gefäßfunktion sowie die Regenerationsfähigkeit des Körpers beeinträchtigen.

Welche Bedeutung messen Sie sozialen Verbindungen im Kontext langfristiger Gesundheit bei?

Soziale Verbindungen sind ein überraschend starker Faktor für Gesundheit und Longevity. Zahlreiche Studien zeigen, dass Menschen mit stabilen sozialen Netzwerken tendenziell länger leben und gesünder bleiben. Soziale Interaktionen beeinflussen Stresshormone, die Funktion des Immunsystems, die Gehirnfunktion und sogar entzündliche Prozesse. Aus biologischer Perspektive sind Menschen zutiefst soziale Wesen – und langfristige Isolation kann den Körper in einer Weise beeinflussen, die mit klassischen Gesundheitsrisiken vergleichbar ist.

Gibt es einen Longevity-Mythos oder Trend, den Sie für deutlich überschätzt halten?

Einer der am meisten überschätzten Trends ist die Vorstellung, Longevity lasse sich vor allem durch einzelne „Wundermoleküle“ oder Nahrungsergänzungsmittel erreichen. Altern ist ein komplexer biologischer Prozess, an dem Stoffwechsel, Immunsystem, Gefäßgesundheit sowie die Erhaltung und Regeneration von Gewebe beteiligt sind. Longevity zu fördern bedeutet daher, die natürlichen physiologischen Systeme des Körpers zu stärken – etwa die Zirkulation, das immunologische Gleichgewicht und die Funktion des Lymphsystems – anstatt sich auf eine einzelne Substanz oder kurzfristige Trends zu verlassen.

INTERVIEW: Fabian Hart
EXPERTE: Prof. Dr. Michael Detmar
FOTOS: Pinterest / PR

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