DIE HAND AM PINSEL

TUSH-Autorin Konstanze Hieber nähert sich der Malerei als bewusstem, analogem Prozess und widmet sich zwei sehr unterschiedlichen Künstlern, die dennoch eines verbindet: die konsequente Arbeit von Hand und das Magische in ihren Bildern, deren Schaffensprozesse Teil ihres Ausdrucks sind: Alex Colville und Oskar Artem

Bilder lassen sich heute in Sekundenschnelle erstellen oder optimieren und erweitern, und das verändert auch unseren Blick auf Fotografien und sämtliche Motive der Kunst. Was ist echt, was ist künstlich und was kunstvoll? KI-generierte Bilder sind Teil unserer visuellen Realität, aber gleichzeitig wächst das Interesse an Arbeiten, die sich Prompts und der beschleunigten computergesteuerten Kunsterstellung entziehen. 

Malerei als Handwerk bedeutet nicht, sich technologischen Entwicklungen zu verschließen. Vielmehr geht es um eine bewusste Auseinandersetzung damit und um die Frage, was menschliche Kunst ausmacht. Vielleicht sind es gerade das Intuitive, die Fantasie, aber auch das Erlebte und das Infragestellen, Zweifeln, Scheitern und Neubeginnen, die Bildern ihre menschliche Tiefe verleihen. Ihre Gefühlswelten.



Ein Künstler, dessen Werk diese Haltung bereits im 20. Jahrhundert vorwegnimmt, ist Alex Colville. Geprägt von seinen Erfahrungen im Zweiten Weltkrieg kreisen seine Arbeiten um Themen wie Sterblichkeit, Isolation, kollektives Trauma und das fragile Verhältnis zwischen Mensch und Natur. In den 1950er- bis 1970er-Jahren entwickelt Colville eine Bildsprache außergewöhnlicher Klarheit: streng komponiert, geometrisch durchdacht, mit gedämpfter Farbpalette und reduzierten Formen. Oft wird Alex Colville als Meister des magischen Realismus beschrieben. Seine Motive zeigen alltägliche Situationen: Menschen im Auto, auf einem Boot, in der Landschaft, in Momenten des Übergangs. Es sind Szenen des Dazwischen, die fundamentale menschliche Zustände behandeln: Nähe und Entfremdung. Liebe und Einsamkeit. Körper und Landschaft. Arbeit und Freizeit. Abschied und Ankommen. Colvilles Bildmotive sind in Bewegung, wirken jedoch wie Stillleben. Genau hierin entstehen das Magische, das Fantastische; eine leise, unterschwellige Spannung entfaltet sich im Unbewegten. Seine Szenen wirken real und gleichzeitig der Realität entrückt.

Die Dramatik bleibt dabei ganz dezent, fast lakonisch. Gerade diese Zurückhaltung verleiht den Bildern Intensität. Bemerkenswert ist auch, dass Colvilles Bilder durch ihre flächigen Perspektiven, die vereinfachten Formen und die unheimliche Klarheit stellenweise an frühe digitale Renderings von Computer-Spielgrafiken der 2000er-Jahre erinnern, obwohl sie Jahrzehnte zuvor entstanden. Dieser Eindruck täuscht sehr über ihren Entstehungsprozess hinweg. Colville arbeitete extrem langsam – mit zahlreichen Skizzen, mit geometrischen und mathematischen Vorstudien. Jedes Bild ist Ergebnis eines präzisen, körperlich verankerten Handwerks. Seine Gemälde erzählen keine ausformulierten Geschichten, sondern wirken wie Momentaufnahmen, die alle Menschen an etwas erinnern. 

Werke wie „Horse and Train“ zeigen eine weniger konkrete Szene als einen Zustand von Konflikt, von Bedrohung, von existenzieller Spannung.

Eine zeitgenössische Position, die den Blick auf menschliche Kunst erweitert, ist die von Oskar Artem. Seine großformatigen Gemälde zeigen keine Szenen, die wir kennen, keine Szenen, die wir „wiedererkennen“. Sie bewegen sich in einer Bildwelt, die weniger analysiert werden soll, als dass sie empfunden werden will. Wiederkehrende Motive wie Mondgesichter, große Augen, wolkige Formen und lange fließende Haare prägen seine Arbeiten. Die Kompositionen sind häufig symmetrisch angelegt, ihre Wirkung mystisch, verträumt, beinahe märchenhaft: „Das Mondgesicht ist sozusagen eine visuelle Metapher für die eine Quelle, die alles, was uns bekannt ist, erschaffen hat, aber auch für den Zustand, in dem man sich befindet, wenn man sich dessen bewusst ist. (…) Es ist das Bewusstsein“, sagt Oskar Artem. Seine Bilder entstehen sichtbar aus dem Prozess heraus. In seinen Arbeiten spielt Licht eine zentrale Rolle. Durch Underpainting und feine Lasuren baut er Tiefe auf, arbeitet mit Schatten und gezielten Highlights, welche die Motive plastisch, fast skulptural erscheinen lassen.

Seinen Bildern liegt ein klarer handwerklicher Aufbau zugrunde. Wie bei Alex Colville beginnt auch hier vieles mit der Zeichnung. Vorzeichnungen, Raster aus kleinen Quadraten helfen dabei, Proportionen und Symmetrien auszubalancieren. Bevor die Motive Schicht für Schicht auf die Leinwand kommen.



“Auch wenn um uns herum mittlerweile alles digital funktioniert, sollte man nicht vergessen, dass wir selbst nicht digital sind.” - Oskar Artem

Interessant ist auch der Weg, der zu dieser Bildsprache geführt hat. Artem war lange Make-up-Artist und in dieser Rolle als öffentliche Figur in den sozialen Medien präsent. Die Malerei wirkt heute wie eine konsequente Weiterentwicklung dieses früheren Arbeitens mit Oberfläche, Gesicht und Inszenierung hin zu einer stilleren, offeneren Form des Selbst. Wo zuvor das Gesicht zur Projektionsfläche wurde, dient nun die Leinwand diesem Zweck. Seine Kunst und den Weg dorthin dokumentiert der 22-Jährige weiterhin auf TikTok und Instagram. Seine Schaffensprozesse nennt er „Sachen machen mit Oskar“. Online präsentiert er sowohl seine Arbeiten als auch persönliche Einblicke und macht gleichzeitig klar: „Auch wenn um uns herum mittlerweile alles digital funktioniert, sollte man nicht vergessen, dass wir selbst nicht digital sind.“ Dabei steckt kein Misstrauen gegenüber Technologie dahinter, sondern ein Vorschlag zur Koexistenz. Teile eines Kontinuums, die in Resonanz miteinander treten.

Sowohl bei Alex Colville als auch bei Oskar Artem wird deutlich, dass es nicht um einen spezifischen Stil oder eine konkrete Epoche geht. Sondern darum, dass beide Zeit investieren, präzise und aufmerksam arbeiten. Dass sie beide lieber ein Quadrat zu viel zeichnen. Trotz dieser Hingabe zum Detail, zur Perfektion sagt Oskar: „Das Schöne an menschlicher Arbeit in der Kunst ist, dass, egal wie sehr man versucht, etwas perfekt zu gestalten, es nie wirklich ,perfekt‘ sein wird. Es ist das Unperfekte im Rahmen der Perfektion.“

Colvilles wie auch Artems Bilder zeigen genau das: Sie öffnen Stimmungen und schaffen Verbindungen. Zugleich tragen sie ihren Entstehungsprozess in sich. Einen Weg, der nicht berechnet, sondern erlebt wird. Nicht als Gegenentwurf zu KI oder generierten Bildern, sondern als eine andere Form von Erfahrung. Gemalte Kunst entschleunigt durch ihre Pinselführung und verlangt bewusste Entscheidungen. Wir konsumieren sie nicht,
wir begegnen ihr.

[Text ]
Konstanze Hieber
[Images Alex Colville]
© A.C. Fine Art Inc. All rights reserved 2026/Bridgeman Images
[Images Oskar Artem]
Oskar Artem
Mai 19, 2026
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