PRODUKTE MIT GESCHICHTE(N)

TUSH-Bag

1994 gründet die aus dem Iran geflüchtete Sepideh Amidi in Hamburg ihr Unternehmen „ari“, zunächst mit handgemachten Merchandiseprodukten aus dem Homeoffice. Heute ist daraus eine internationale Kreativagentur geworden, die weltweit Produktwelten umsetzt. Ihre Tochter Nieky Aksoy trägt die Erfolgsgeschichte in die nächste Generation. Unsere Autorin Mavie Sellere hat die beiden Frauen getroffen und mit ihnen über Mut, Resilienz und die Entwicklung ihres Unternehmens gesprochen.

Der Empfang ist makellos. Matcha Latte, perfekt platziertes Gebäck. Die PowerPoint-Präsentation leuchtet schon an der Wand. Alles wirkt warm, herzlich, professionell. Sepideh Amidi und ihre Tochter Nieky Aksoy zeigen sich und ihr Unternehmen von der besten Seite. Mit „ari your creative agency“ realisieren die beiden gemeinsam mit ihrem Team als Full-Service-Kreativagentur Merchandiseprodukte für Unternehmen weltweit. Für TUSH etwa haben sie eine exklusive Ledertasche mit Prägungen von Beautytools gestaltet. Die PowerPoint bebildert en detail das Konzept und den Look der TUSH Bag. Die Geschichte dahinter ist aber keine eines fancy Businessplans. „ari“ entsteht 1994 aus purer Notwendigkeit.

SEPIDEH AMIDI & NIEKY AKSOY

„Was ist deine Geschichte, Sepideh?“, frage ich. Kurze Stille: „Wir haben alles verloren.“ Sepideh Amidi wächst im Iran auf. Nach den politischen Umbrüchen 1979 flieht ihre Familie nach Frankreich, wo Sepideh mit 13 zu arbeiten beginnt. Mit 20 zieht sie weiter nach Deutschland, um Volkswirtschaftslehre zu studieren. Zwei neue Länder, zwei neue Sprachen, zweimal neu anfangen.

Sie erzählt von nächtlichen Schichten im Callcenter, von einem rassistisch motivierten Angriff auf dem Nachhauseweg. „Das war sehr traurig“, sagt sie. „Ich habe damals studiert und konnte tagsüber nicht arbeiten.“ Zur Sicherheit schlägt ihr Vater also vor, von zu Hause aus zu arbeiten. Dort entsteht die Idee von Ansteckbuttons als Werbeartikel, der Beginn von „ari“. 1994 gründet Sepideh Amidi die „ari International Trading GmbH“ als Ein-Frau-Unternehmen. „Also arbeitete ich damals gezwungenermaßen im Homeoffice“, sagt sie. „Heute ist das normal.“

Auf der Internorga-Messe in Hamburg möchte sie ihr Geschäftsmodell Ausstellenden näherbringen. Sie kommt mit einem älteren Mann ins Gespräch, der sich ungewöhnlich viel Zeit nimmt, zuhört und Fragen stellt. Sepideh macht eine Pause, wechselt einen Blick mit Nieky. Später stellt sich heraus, dass dieser Mann der CEO eines großen Konzerns ist. Er schaltet ohne ihr Wissen eine Werbeanzeige für sie mit ihrer Faxnummer. „Das war eines der größten Geschenke“, sagt Sepideh. „The Beginning.“ Das Faxgerät stand nicht mehr still.

Sepideh ist zu diesem Zeitpunkt schwanger mit Nieky, ihr Unternehmen frisch gegründet. Sie ist eine Frau mit Migrationshintergrund. Im Grunde genommen die größten Steine, die die Gesellschaft einem in den Weg legen kann. Und doch telefoniert sie, einen Tag nachdem sie ihre Tochter Nieky zur Welt gebracht hat, mit Handelspartnern aus China. Mit einem Münztelefon.

„Heute reden wir über Women-Empowerment. Damals hat keiner darüber gesprochen.“ Sie erinnert sich an ein Telefonat mit einem Geschäftspartner, während Nieky als Baby neben ihrem Schreibtisch weinte. „Er fragte: Ist das ein Haushalt oder ein Büro?“

Jetzt, mit 31 Jahren, sitzt Nieky Aksoy als erwachsene Frau neben ihrer Mutter. Seit dreieinhalb Jahren ist sie Chief Strategy Officer bei „ari“. „Groß geworden bin ich im Warenlager“, sagt sie, „zwischen Pappkartons.“ Darin schwingt kein Bedauern mit, nur Stolz.

TUSH-BAG

Trotzdem geht Nieky zunächst ihren eigenen Weg: Sie studiert Jura in Hamburg und Paris und arbeitet unter anderem in den USA, stets auf der Suche nach finanzieller Unabhängigkeit und beruflicher Sicherheit. Dinge, die in ihrer Familie nie selbstverständlich waren. Doch die Nähe zur Kreativbranche bleibt. „Ursprünglich wollte ich Design studieren“, sagt sie. „Mein Herzenspapa ist Jurist und hat mich zu Jura inspiriert.“

Hossein Akhavan steigt 2002 bei „ari“ ein, in einer Phase, in der das Unternehmen zu kippen droht. Rechtlich, finanziell und familiär hält er alles zusammen. „Er ist der Grund, warum wir das alles geschafft haben“, sagt Nieky. Sepideh trägt als Gründerin die Rolle der Geschäftsführerin, Nieky übernimmt die strategische Ausrichtung, die digitale Kommunikation und die Positionierung des Unternehmens. „Ich erfinde nichts neu“, sagt sie. „Ich übersetze nur, was längst da ist.“ So wird „ari“ zur Creative Agency: international und zukunftsorientiert.

„ari“ gehört zu den wenigen Agenturen, die Produkte von Grund auf entwickeln. Jedes Teil entsteht neu, durch eigene Ideen und handwerkliche Tiefe. Nichts ist von der Stange, nichts anonyme Massenproduktion. In einer Zeit, in der vieles schnell und austauschbar geworden ist, bleibt „ari“ bewusst nah am Produkt, am Prozess und am Handwerk.

Heute setzen sie weltweit Projekte um, in Europa, in den USA und bis nach Dubai. Und manchmal sitzt Niekys Tochter im Büro, so wie Nieky früher neben dem Schreibtisch ihrer Mutter saß. Zwei Frauen, drei Generationen. Ein Kreis, der sich schließt.

[AUTORIN]
MAVIE SELLERE
[FOTOS]
MELTEM KAYA
April 30, 2026
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