
ANYS REIMANN, LE NOIRE DE CXIII 2025
Es gibt Menschen, die wirken, als stünden sie morgens auf und wären einfach eine konsistente Version ihrer selbst: ein Look, ein Vibe, eine Datei ohne Unterordner. Wer seit 2018 denselben Haarschnitt trägt, strahlt für mich eine fast beängstigende innere Ruhe aus. Und dann gibt es die anderen: ständig im Wandel, nicht nur in Bewegung, sondern hin- und hergerissen zwischen Welten. Queers, als „Weirdos“ gelabelte Außenseiter – oder wie ich, ein Queer Kid in zweiter Migra-Generation. Mein Leben fühlt sich oft an wie die Collagen meiner Freundin Anys Reimann: komplex geschichtet, scharfkantig, nie eindeutig einzuordnen. Ein Bild im Prozess, mit alten und neuen Ebenen. PSD statt JPEG. Wir alle performen unterschiedliche soziale Rollen und schauspielen auf verschiedenen Bühnen. Was Ralf Dahrendorf den „Homo sociologicus“ nannte – dieses Individuum, das sich ständig den Erwartungen der Gesellschaft beugen muss –, ist für uns Migras sogar eine Überlebensstrategie. Für meine muslimische, bosnische Familie hatte ich der unauffällige Junge zu sein, der keine Fragen provoziert, der Dinge so hinnimmt, wie sie sind. Der akzeptiert, dass wir uns unterscheiden und Deutsche eben anders ticken, essen oder reden. In der Schule war ich der Angepasste, weil ich, wie alle, dazugehören wollte. Oft reichte es nur für die Rolle des Unsichtbaren. Gleichzeitig wollte ich deutsch sein, und das erwarteten auch meine Eltern von mir: ihr Vermittler zwischen den Kulturen zu sein, der Erste meiner Art, das Bindeglied, jemand der versteht, wie das Leben in Deutschland funktioniert. Meine zig Behördengänge für meine Eltern im Grundschulalter waren die reinste Überforderung, mein Antrag auf BAföG fühlte sich an, als müsste ich beweisen, deutsch genug für diese Unterstützung zu sein. In all diesen oft aufgezwungenen Rollenspielen waren Mode, Ästhetik und Beauty immer wichtige Codes und auch Tools der Verwandlung und des Code-Switchings. Vielleicht habe ich aus diesen Gründen sogar Modedesign und Kommunikationsdesign studiert.

ANYS REIMANN, LE NOIRE DE CXI 2025
DAS BADEZIMMER ALS IDENTITÄTSLABOR
Heute ist es völlig normal, dass in Badezimmern Produkte und Rituale aus der ganzen Welt stehen, weil es ein Lifestyle ist, sich alles von überall her schicken zu lassen. Wenn im Badezimmer meiner Nichte jedoch neben dem K-Beauty-Serum aus Seoul und dem American Balm auch Arganöl steht, dann deshalb, weil schon ihre Großmutter es verwendet hat und es Teil muslimischer Kultur ist. Für Migras sind diese Parallelwelten kein globaler Trend, sondern Erinnerung und identitäre Herkunftsgeschichte. Irgendwann gibt es immer diesen Glitch: Du kannst deine Anpassung noch so sehr feinjustieren, an einem Punkt wird die Collage erkennbar. Es gibt diesen Moment der „Entlarvung“. Du reichst deinen Personalausweis über den Tisch, und der Name – ein sperriges Gebilde, das nach „exotischen“ Ländern klingt – sprengt die mühsam aufgebaute Illusion. Oder Hautfarbe, Haartextur, Unterton der Stimme werden zu biologischen Metadaten, die uns in den Augen der anderen sofort wieder einsortieren. Mein Gesicht ist ein Memory-Archiv, in dem der Quellcode meiner Vorfahren und Erfahrungen gespeichert ist – ob ich ihn gerade aktiv nutze oder mit Concealer zu schattieren versuche. Das Badezimmer ist ganz oft ein Identitätslabor für Migra-Kids. Hier findet 2026 das statt, was man „Cultural Aesthetic Reclaiming“ nennt. Wir haben verstanden, dass die Idee einer bestmöglichen Anpassung uns selbst die Dimension nimmt. Heute nutzen wir Make-up, Styling und Pflege, um die Fragmente unserer Identität nicht mehr zu verstecken, sondern sie – wie in einer Reimann-Collage – bewusst nebeneinander und aufeinander zu legen. Die Collage als künstlerische Identität, nicht als „zu viele Schichten“, „zu komplex“, „zu viel mitgebracht“. Meine Freundin Ninu etwa trägt wieder die Goldreifen ihrer Großmutter – nicht versteckt unter langen Ärmeln, sondern gestackt mit minimalistischen Silberringen. Ihr Eyeliner sitzt scharf wie eine Klinge, eine Kampfbereitschaft in Schwarz: „Früher habe ich auch versucht, unsichtbar zu sein“, sagt sie, während sie Rouge auf ihre Wangenknochen tupft. „Jetzt will ich gesehen werden – aber nach meinen Regeln.“ Beauty ist heute das Interface, mit dem auch sie ihre Hybridität sichtbar macht.

ANYS REIMANN, LE NOIRE DE CXII 2025
WENN DER ALGORITHMUS MITSPIELT
Hier wird es paradox: Wir glauben, wir erschaffen uns selbst, aber im Backend mischt wie in allen Bereichen Social Media kräftig mit. Wir scheinen uns selbst zu kuratieren, doch der Kurator ist ein Algorithmus. Er ist der heimliche Artdirector unseres Lebens. Er entscheidet, welche Version unseres Ichs in die Timeline gespült wird. Bist du heute die „Diaspora-Version“, die auf Balkan-Beauty-Trends schwimmt? Oder die „Germanized Standard Version“, die perfekt in den instagrammable Lifestyle der Großstadt-Bubble passt? Neulich ging ein TikTok-Format viral: „Grandma’s Secret“. Tausende Second-Gen-Migras filmten sich dabei, wie sie die Beauty-Rituale ihrer Großmütter nachstellten: Rosenwasser aus Damaskus, Khôl aus Kairo, Kokosöl aus Kerala. Millionen Views. Dann der Backlash: Beautymarken sprangen auf, verwässerten die Rituale zu Wellnesscontent, strichen die Geschichte weg. Was als Reclaiming begann, wurde Marketing. Der Algorithmus gibt, der Algorithmus nimmt. Community versus goldener Käfig. Die wahre Spannung entsteht dort, wo das Eigenwerk auf Realität trifft: Wir gestalten uns aktiv, aber Familiengeschichten und -traumata, kulturelle Erwartungen, die scharfen Kanten der Gesellschaft und der sozialen Medien mischen immer mit.

ANYS REIMANN, LE NOIRE DE CXIX 2025
DIE SCHNITTKANTEN STEHEN LASSEN
Am Ende ist genau das unsere Superkraft: Wir sind kulturelle Avantgarde, weil wir verstanden haben, dass man nicht nur ein Layer sein muss. Dass vieles gleichzeitig sein zu können, auch eine Kunst ist. Wir sind die Generation der Schnittkanten. Wie in einem Werk von Anys Reimann lassen wir die Brüche bewusst stehen. Für mich bedeutet 2026, meine Vielschichtigkeit zu feiern und zu akzeptieren, dass ich ein Work in Progress bin, eine Collage. Ich bin ein stetes Update, das niemals endet – auch wenn das ermüdend sein kann. Manchmal sehne ich mich nach der inneren Ruhe jener Menschen mit dem gleichen Haarschnitt seit 2018. Dann schaue ich in den Spiegel, rede mit meiner Familie und Friends und sehe die Schichten, die Brüche, das Unfertige. Der Plot-Twist ist zu begreifen, dass das nicht „lost“ heißt, sondern vieles sein zu dürfen und wandelbar. Und das gilt für uns alle: Wir sind viele(s) gleichzeitig, komplex und nicht einfach nur ein Layer, und genau darin liegt die Schönheit.
Am 30. April 2026 eröffnet Anys Reimann mit Mirrorball ihre erste museale Einzelausstellung in der Weserburg Museum für moderne Kunst in Bremen. Die Ausstellung zeigt neue und jüngste Arbeiten der Künstlerin und führt ihre Auseinandersetzung mit Identität, Körper, kultureller Zugehörigkeit und Repräsentation weiter, vielschichtig, sinnlich und widerständig.