BEI RIMOWA WIRD REISEN ZUR BEWEGUNG DES AUFEINANDERZUGEHENS

Mit ihrem Design Prize verschiebt die Luxusgepäckmarke die Idee von Mobilität in Richtung menschlicher Verbindung

Die Atmosphäre beim RIMOWA Design Prize 2026 in Berlin fühlt sich überraschend emotional an. Offiziell steht der Abend unter dem Leitthema „Mobility“, das problemlos eine Reihe technischer Konzepte über Effizienz, Infrastruktur oder spekulative Fortbewegungssysteme hätte hervorbringen können. Stattdessen beschäftigen sich viele der Finalist:innen mit etwas deutlich Intimerem: Kommunikation, emotionaler Nähe, Fürsorge, Verletzlichkeit und zwischenmenschlicher Verbindung.

Immer wieder entfernen sich die Gespräche von den Objekten selbst und drehen sich stattdessen um Beziehungen. Wie bewegen sich Menschen auch emotional durch die Welt? Wie fühlt sich Zugänglichkeit jenseits reiner Funktionalität an? Wie kann Design Einsamkeit, Angst oder Entfremdung reduzieren? Die gezeigten Projekte interessieren sich weniger für futuristische Fantasien als vielmehr dafür, Menschen dabei zu helfen, sich durch zunehmend komplexe Realitäten zu bewegen ob ökologisch, sozial oder zutiefst persönlich geprägt.



Genau dieser Perspektivwechsel macht den diesjährigen RIMOWA Design Prize 2026 kulturell interessanter als einen klassischen Nachwuchswettbewerb. Der jährlich von der deutschen Gepäckmarke RIMOWA initiierte Preis fördert Studierende deutscher Hochschulen, deren Arbeiten sich zwischen Industriedesign, gesellschaftlicher Relevanz und spekulativem Denken bewegen. Auf den ersten Blick passt die Initiative selbstverständlich zur DNA der Marke: deutsches Engineering, Mobilität, Handwerkskunst, Langlebigkeit und Reisen. Die Aluminium-Koffer von RIMOWA stehen seit Jahrzehnten für ein sehr spezifisches Bild moderner Bewegung: präzise, global, rational und understated luxuriös.

Doch was bedeutet es, wenn eine Marke, die traditionell für Luxusreisen steht, plötzlich Menschen mit Behinderung, emotionale Isolation, Krisenhilfe oder menschliche Verletzlichkeit mitdenkt? Genau dieser scheinbare Widerspruch liegt spürbar über dem gesamten Abend und macht ihn gerade deshalb interessant. Viele der Finalist:innen nähern sich der Gestaltung nicht mehr über klassische Zukunftsversprechen oder techno-utopische Visionen. Stattdessen spiegeln ihre Projekte eine Generation wider, die von Klimakrise, mentaler Erschöpfung, Reizüberflutung und sozialer Fragmentierung geprägt ist. Der Anspruch besteht nicht mehr unbedingt darin, die perfekte Zukunft zu entwerfen, sondern Systeme zu schaffen, die den Umgang mit der Gegenwart menschlicher machen.





Besonders deutlich wird das bei den Gewinnern des diesjährigen Preises: „NURA“ von Samuel Nagel und Paul Feiler von der Hochschule für Gestaltung Schwäbisch Gmünd. Ihr tragbares Kommunikationssystem übersetzt mithilfe von EMG-Sensoren Gebärdensprache in Echtzeit in gesprochene Sprache. Doch bemerkenswert ist nicht allein die technische Präzision des Projekts. Die Designer betonen mehrfach, dass NURA bewusst nicht wie ein medizinisches Hilfsmittel aussehen soll.

„Wir wollen nicht aufzeigen, dass jemand ein Problem hat“, erklärte Nagel. „Wir gestalten, um Menschen zu stärken.“ Viele der diesjährigen Projekte verstehen Assistenzdesign nicht mehr als klinische Korrektur, sondern als Empowerment, als Selbstverständlichkeit. Zugänglich.

Auch Tim Kipper und John Roller entwickeln mit „Compassion Aid“ kein klassisches Technologieobjekt, sondern ein mobiles Kommunikations- und Notfallsystem für Rettungskräfte, das gemeinsam mit Sanitäter:innen entstand. Sprachsteuerung, Sensoren, Kamerasysteme und Alarmfunktionen unterstützen Einsatzkräfte in komplexen urbanen Situationen. Trotzdem sprachen beide Designer im Gespräch immer wieder weniger über Effizienz als über Offenheit, Emotion und menschliche Perspektiven.

„Als Designer muss man lesen“, sagte Kipper. „Literatur, Poesie, über Film, Kunst, die Liebe und das Leben.“



Die Finalist:innen wirken nicht wie Gründer eines Start-ups, das den nächsten optimierten Lebensstil verkaufen möchte. Eher wie kulturelle Beobachter:innen, die verstehen wollen, wie Menschen bewusst fühlend durch die Welt navigieren.

Auffällig ist auch, wie über Schönheit gesprochen wird  allerdings kaum im klassischen Designverständnis. Niemand spricht von Perfektion, Luxusästhetik oder zeitlosem Minimalismus. Schönheit wird stattdessen mit Überraschung, Spannung, Erinnerung, Berührung und Freiheit verbunden. „Ich finde Dinge schön, wenn sie ein in sich geschlossenes Gleichgewicht haben“, sagt Finalist Valerio Sampognaro. „Aber nicht in dem Sinne, dass etwas tot wirkt.“



„Beauty is freedom“ - Creative Director Farah Ebrahimi

Creative Director Farah Ebrahimi, mentorierte den Finalist Valerio Sampognaro. Ihre Aussage spiegelt sich stark in Sampognaros Projekt „Aerodomestics“, einer Serie ultraleichter Möbelobjekte, inspiriert von Drachenkonstruktionen und mobiler Campingausrüstung. Aluminiumrohre und gespannte Stoffflächen lassen die Arbeiten beinahe schwerelos wirken irgendwo zwischen Möbel, Schutzraum und Spielobjekt. Die Entwürfe besitzen eine spielerische Leichtigkeit, die man mit deutschem Industriedesign eher selten verbindet. „Wir brauchen wieder mehr Freude und Verspieltheit“, sagte Ebrahimi mit Blick auf eine zunehmend von KI dominierte Welt.


Im Kontext der Marke selbst wird dieser Wandel besonders sichtbar. RIMOWA trägt eine klar deutsche Designsprache in sich geprägt von Ingenieursdenken, Präzision und funktionaler Strenge. Unter dem Dach von LVMH verschiebt sich diese Lesart jedoch subtil. Zwischen deutscher Sachlichkeit und französischer Emotionalisierung verschiebt sich die Lesart von Design: vom reinen Objekt hin zu einer stärker emotional aufgeladenen Erzählung.



Die vielleicht aufschlussreichsten Aussagen handeln letztlich weniger von den Projekten selbst als von den Grenzen deutscher Designkultur. Mehrere Jurymitglieder kritisieren offen die historisch enge Definition von Design in Deutschland sowie das Fehlen institutioneller Förderstrukturen. „Es gibt in Deutschland keine wirkliche Förderung für Design“, erklärt Kuratorin und Jurymitglied Matylda Krzykowski. „Kultur wird gefördert. Kunst wird gefördert. Aber nicht Design.“ Krzykowski, deren eigene Biografie von Migration aus Polen nach Deutschland geprägt ist, spricht außerdem offen darüber, wie männlich dominiert und engstirnig sie die deutsche Designlandschaft erlebt habe. Erst in den Niederlanden habe sie eine freiere und experimentellere Auffassung von Gestaltung kennengelernt eine, die Offenheit, Neugier und Selbstbestimmung stärker priorisiert als rein industrielle Ergebnisse.

Historisch steht deutsches Design für Klarheit, Kontrolle und Reduktion. Bauhaus, hello?! Und die Generation des diesjährigen RIMOWA Design Prize 2026 scheint diese Werte auch nicht abzulehnen, sondern emotional aufweichen zu wollen. Präzision bleibt wichtig. Qualität bleibt wichtig. Funktion bleibt wichtig. Aber Funktionalität allein reicht emotional nicht aus. Selbst Designerin Hanne Willmann spricht über Gestaltung weniger in Begriffen von Form als vielmehr über emotionale Anziehung, Erinnerung und körperliche Beziehung. Immer wieder beschreibt sie den Wunsch, Produkte zu entwerfen, die einen „Sog“ erzeugen also Objekte, die man berühren, benutzen und mit denen man leben möchte. „Wenn alles zu glatt ist“, sagt sie, „dann weiß man ja schon vorher, wie es sich anfühlt.“

Vielleicht ist genau das der eigentliche Kern dieser neuen Design-Generation: eine Reaktion auf eine Welt, die sich bereits überoptimiert, übererklärt und emotional abgeflacht anfühlt.

Beim RIMOWA Design Prize 2026 bedeutet Mobilität deshalb längst nicht mehr nur Fortbewegung durch Räume. Sondern die Fähigkeit, sich wieder aufeinander zuzubewegen.



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KONSTI HIEBER
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Mai 13, 2024
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