Is she Hungry?

Im Interview mit Drag-Artist Hungry: Wie sie mit ihren Looks zwischen kulturellen Einflüssen und Fantasy neue Welten entstehen lässt

Hungry, du hast ursprünglich Modedesign studiert, konntest dich als Drag-Artist etablieren und bist seitdem für deine amphibischen, außerirdischen Make-up-Looks und Masken bekannt. Du warst auch schon unser Coverstar und arbeitest mit Icons wie Björk. Wer ist Hungry heute?

Im Vergleich zu meinen früheren Jahren fühle ich mich heute „angekommen“. Nightlife gibt mir noch sehr viel Inspiration, aber ich bin jetzt eher im Kostümbild unterwegs. Dieser Fokus hat sich nach der Pandemie gefestigt. Performance passiert um mich herum auf jeden Fall noch, ist aber nicht mehr der tragende Faktor für meine Arbeit.

War das Außerweltliche schon immer dein Antrieb? Wer war der kleine Johannes und wie ist er aufgewachsen?

Sehr introvertiert! Ich bin in Niederbayern aufgewachsen und habe mich in Fantasywelten verloren. Denn der Alltag auf dem Land hat mir wenig Inspiration gegeben. Mein Vater ist Thai und hatte bereits viel Arbeit geleistet, sich in der Gemeinde zu integrieren, weshalb ich nie anders behandelt wurde als andere Kinder. Trotzdem habe ich recht früh verstanden, dass ich äußerlich anders gelesen werde. Ich hatte nicht unbedingt das Gefühl dazuzugehören, war aber gleichzeitig stolz auf meine Wurzeln. Das hat mich früh dazu gebracht, mich intensiv mit Identität auseinanderzusetzen.

Sind deine Looks eine Form von Eskapismus und wenn ja, wohin haben sie dich geführt?

Auf jeden Fall. Das war damals auch die Grundidee, als ich mit Drag angefangen habe. Zu Beginn war es mehr menschlicher, femininer Drag. Später habe ich darin aber keine Inspiration mehr gesehen und mir gedacht, wenn ich mir schon diese Bühne nehme, kann ich daraus auch etwas machen, das für mich mehr bedeutet, authentisch und auch inspirierend ist. Deshalb wollte ich Hungry entwickeln und zu etwas machen, das ich vielleicht auch als Kind sein wollte. Dass ich mein eigenes Fabelwesen sein kann, wenn auch nur für diesen Moment.

Hast du so auch zu deinem Signature-Look gefunden? Dein Make-up ist absolut magisch! Du bist für mich eine regelrechte Chimäre, so habe ich mir immer die Wesen in meinen Fantasybüchern vorgestellt. 

Aus meiner Kindheit habe ich super viel Sci-Fi und Fantasy mitgenommen. Das Außerweltliche kam, weil ich damals auch viel in der Kirche war. Dort ist das Überirdische ja ein Riesenthema, bekommt aber keine direkte Verbildlichung. Technisch ist der Look in meinen frühen Drag-Jahren entstanden, weil ich extrem viel experimentieren konnte. Während meiner Jobs und Auftritte sollte ich außerirdisch wirken und entertainen, ich hatte viel Freiraum. Viele Looks haben aber auch überhaupt nicht funktioniert.

Welche zum Beispiel?
Meistens Elemente, die ich mir ins Gesicht geklebt habe. Ich hatte immer viel Hoffnung in Federn, aber die ersten Experimente mit ihnen waren absolut grausam.

Was war das Extremste oder Ungewöhnlichste, das du dir je ins Gesicht modelliert hast?
Einen Kugelfisch. Ich habe ihn in Hamburg in einem Souvenirladen gekauft, auseinandergeschnitten und Teile ins Kostüm und ins Gesicht geklebt. Unvergesslich auch, weil ich später auf ein Stück draufgetreten bin. Kugelfische haben es echt in sich.

Wie lange dauert ein kompletter Hungry-Look und wie lange das Abschminken?
In der Regel zwischen 90 Minuten und zweieinhalb Stunden. Vor allem, weil ich jede Menge Schritte vorzubereiten habe. Applikationen und Elemente rund um die Nase sind fertig und müssen nur noch angeklebt werden, das Make-up fürs Gesicht baue ich dann relativ schnell darum herum. Bei sehr geometrischen, akkuraten Looks braucht es mehr Zeit. Abschminken geht dafür schnell. Ich reiße mir die Sachen einfach ab, es tut auch nicht weh. In zehn Minuten ist alles weg.

Deine Kunst birgt ja auch immer eine Form von Storytelling: Welche Filme und Bücher haben dich geprägt?
Bei Büchern waren es in meiner Kindheit die Bartimäus-Bände: Dschinns und die klare Kategorisierung verschiedener magischer Wesen. Ich konnte sie mir immer so ausmalen, wie ich wollte. Filmisch hat mir „Star Wars“ eine völlig neue Welt eröffnet. Bis heute ist auch „Das fünfte Element“ einer meiner Lieblingsfilme – die Kostüme sind ungeheuer gut. Auch „The Cell“ und „The Fall“ von Tarsem Singh haben mich visuell stark geprägt.

Björks Utopia“-Albumcover, Editorials in Magazinen, Distorted Drag, Kostümbild: Auf was bist du noch hungry?

Immer auf noch mehr Björk! Die Zusammenarbeit war großartig. Auf mehr Magazine, weil Print für mich unglaublich wichtig ist. Hungry kann als Drag-Persona so weiterlaufen, da bin ich sehr happy. Ich möchte aber auch mehr am Theater arbeiten. Aktuell designe ich an der Volksbühne Berlin zum zweiten Mal das Kostümbild. Letztes Jahr hatte ich außerdem ein Performance- und Kostümprojekt an der Neuen Nationalgalerie. Auf solche Möglichkeiten bin ich sehr „hungry“. Ich möchte noch weiter in den Kulturbereich hineinwachsen. Lange wussten viele nicht, wie sie mich einordnen sollen. Umso schöner ist es, nach all den Jahren, in denen ich nicht verstanden wurde, das Gefühl zu haben, angekommen zu sein.

 

[Interview/Editor]
Mavie Sellere
Juni 12, 2026
Archiv
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