PRETTY CRUEL

Warum ausgerechnet die grausamsten Dystopien so verdammt gut aussehen und Beauty in The Hunger Games, Red Rising und Gattaca zum Instrument der Macht wird

Es wird kalt und cozy. Was heißt das? Fantasy- und Dystopia-Season! Zumindest für mich. Dystopische Filme sind gerade wieder Gesprächsthema Nummer eins, denn die Verfilmung des fünften Die Tribute von Panem-Romans, „Sunrise on the Reaping“, startet am 19. November 2026 in den deutschen Kinos. Somit kehrt der All-Time-Dystopia-Favourite der US-amerikanischen Autorin Suzanne Collins auf die Leinwand zurück und mit ihm neue Beauty-Looks aus dem Kapitol (Glenn Close ist unrecognizable).

Ich habe Sci-Fi, Fantasy und somit auch Dystopien viel gesehen, gelesen und geliebt. Dabei ist mir die Rolle von Beauty in diesem Genre besonders aufgefallen. Und nicht im Positiven. Denn ausgerechnet die brutalsten Gesellschaften sind oft die, die besonders viel Wert auf Perfektion, Ästhetik und Schönheit legen. Deshalb habe ich mir die Frage gestellt: Warum wird Beauty in den totalitären Herrschaftssystemen dieser Stories zum Deckmantel von Grausamkeit und moralischer Verkommenheit?

Dystopien spielen meist mit demselben Szenario: Eine Katastrophe stürzt die Welt ins Chaos und eine neue Ordnung soll wieder Frieden bringen. Ob die Erde von der Sonne verbrannt, vom Dritten Weltkrieg zerstört oder die Menschheit letzten Endes von KI unterjocht wird (genau wie wir es vorhersagen), Dystopien zeigen uns sämtliche Horrorszenarien. Und trotzdem rasen wir immer schneller auf sie zu.

Anyways.

Dystopien stellen nicht nur die Weltordnung auf den Kopf, sondern auch unser Verständnis von Beauty. Was bedeutet Beauty für uns heute? Künstlerische Freiheit, Kreativität, Selbstausdruck, Selbstfürsorge und manchmal Pretty Privilege. In Dystopien wird Schönheit dagegen zum Mantel der Grausamkeit, zum Ausdruck von Kontrolle und moralischer Fäulnis. Denn die Systeme, die nach dem großen Chaos wieder Frieden und Ordnung schaffen sollen, werden meistens vom reichsten Teil der Bevölkerung, der „Elite“, der Oberschicht geführt. Und was legitimiert Herrschaft besser als Makellosigkeit, Kontrolle und Schönheit? Was trennt die Armen stärker von den Reichen, die Schwachen von den Mächtigen, als körperliche Überlegenheit?

 

Beauty wird hier zur Verschleierung von Gewalt und Unterdrückung. Und dabei begegnen uns immer wieder drei Formen: überzeichnete Beauty, göttliche Beauty und sterile Beauty.

Die überzeichnete Beauty ist die, die wir aus Die Tribute von Panem von Suzanne Collins kennen. Ein kleiner Exkurs: Die Geschichte spielt in Panem, einem Land, das aus den Überresten Nordamerikas entstanden ist, nachdem dieses durch Umweltkatastrophen und Ressourcenkriege fast komplett zerstört wurde. Im Kapitol sitzen die Regierung, die Reichen und die Schönen, während die zwölf Distrikte die Hauptstadt mit Nahrung, Kohle und anderen wichtigen Ressourcen versorgen. Einmal im Jahr finden die Hungerspiele statt, als Bestrafung für die Rebellion der Distrikte und als jährliche Erinnerung daran, wer in Panem die Macht hat. Distrikt dreizehn wurde nach dem Aufstand schließlich zerstört (iykyk). Aus jedem Distrikt werden zwei Jugendliche ausgewählt, die in einer Arena gegeneinander kämpfen müssen, bis nur noch eine Person übrig ist. Der Sieger darf dann wohlhabend und traumatisiert weiterleben.

Den ersten Berührungspunkt mit der überzeichneten Beauty bekommen wir mit der Figur Effie Trinket, welche von der US-amerikanischen Schauspielerin Elizabeth Banks verkörpert wird. Sie stammt aus dem Kapitol und ist die Betreuerin des ärmsten Distrikts, Nummer zwölf, aus dem auch die Protagonistin Katniss Everdeen kommt. Ihr skurriler Auftritt ist schon fast ikonisch geworden, wie sie da auf der klapprigen Bühne im verwahrlosten Distrikt zwölf steht: ein pinkes Kostüm, die Haare wie rosa Zuckerwatte getürmt, die Haut weiß geschminkt, die Lippen ein rosa Herz, einzelne Blüten kleben an ihren Lashes. Haute Couture mit Wumms.

Nur hat ihr eigentlich fantastischer Look in diesem Setting etwas Obszönes, fast schon Widerwärtiges. Genau wie das Kapitol. Dort ist das nämlich Business Casual. Seine Bewohner haben so viele Ressourcen und so viel Freizeit, dass extravagante Beauty, Körpermodifikationen und Fashion zum Standard geworden sind. Gleichzeitig kämpfen die Menschen in fast allen Distrikten um grundlegende Dinge wie Nahrung. Aber ist ja egal, ihnen geht es ja gut.

Das Kapitol ist die Darstellung einer Gesellschaft, in der Aussehen, Prominenz, Unterhaltung und Konsum wichtiger werden können als das Leid anderer Menschen. Sounds familiar?

In der Science-Fiction-Romanreihe Red Rising von Pierce Brown herrscht eine planetenübergreifende Diktatur mit einem sehr strengen Farb-Kastensystem. Ähnlich wie die Distrikte in Die Tribute von Panem hat auch hier jede Kaste einen bestimmten Zweck in der Gesellschaft, nur wurden die Menschen in Red Rising über Generationen speziell dafür gezüchtet.

Die Handlung beginnt mit dem jungen Darrow, der zur untersten Kaste gehört, den niederen Roten. Er lebt mit der Lüge, dass er und die anderen seiner Kaste im Inneren des Mars das wertvolle Gas Helium-3 abbauen und als „Pioniere des Mars“ den Planeten für die Menschheit bewohnbar machen. Dort hungern sie, schuften sich kaputt und haben eine Lebenserwartung von höchstens 40 Jahren. Aber das ist ja für das größere Wohl, oder? Sollte man sich dafür nicht aufopfern? Ne. Turns out: Der Mars und viele weitere Planeten sind längst erschlossen und werden von den anderen Farben bewohnt, angeführt von den Goldenen.

Und hier kommen wir zur göttlichen Beauty. Die Goldenen wurden über Jahrhunderte genetisch so modifiziert, dass sie wie antike Götter aussehen: goldene Haare, goldene Augen, enorme Körpergröße und perfekte Körper. Sie sind den anderen Kasten in fast allen Bereichen überlegen, körperlich, intellektuell und technologisch. Ihre Knochen sind härter, ihre Organe leistungsfähiger, ihre Reflexe schneller. Gemacht, um zu herrschen und zu töten.

Diese Perfektion ist kein Zufall. Ihre makellose Schönheit und physische Überlegenheit vermitteln den niederen Kasten, dass die Goldenen „von Natur aus“ zum Herrschen bestimmt sind. Ihre Körper werden damit selbst zur Legitimation ihrer Macht. Sie sehen aus wie Götter, also behandeln sie sich auch wie welche. Nur steht diese äußere Perfektion in krassem Kontrast zu ihrer Dekadenz, Grausamkeit und einer gewissen Tendenz zum Sadismus.

Super spannend ist auch, dass den niederen Kasten, vor allem den Roten, fast jede Form von künstlicher oder künstlerischer Schönheit verwehrt wird. Sie leben in Schmutz und Dunkelheit, und wenn sie selbst Schönheit erschaffen, beispielsweise durch verbotene Tänze und Lieder, wird das als Akt der Rebellion gewertet. Denn Beauty ist nun mal, ob Musik, Tanz oder Äußerlichkeit, auch ein Ausdruck von Menschlichkeit und Individualität.

Und dann gibt es noch die sterile Beauty. Im dystopischen Science-Fiction-Film Gattaca (1997) von Andrew Niccol erleben wir ebenfalls eine Zukunft mit einem Kastensystem, das an körperliche Perfektion gebunden ist. Nur äußert sich Beauty hier nicht in goldenen Göttern oder rosa Zuckerwatte-Haaren, sondern in steriler Perfektion. Schönheit wird im Labor erzeugt. Eltern können die „besten“ genetischen Merkmale ihrer Kinder auswählen: makellose Haut, symmetrische Gesichtszüge, optimale Körpergröße und die Abwesenheit von Krankheiten oder Sehschwächen. Clean, elegant, kontrolliert und unangenehm perfekt. Also basically Clean-girl Final Boss.

Die genetisch Optimierten, die sogenannten „Valids“, wie die Figuren Irene oder Jerome, haben Zugang zu den besten Berufen und gesellschaftlichen Positionen. Wer wie der Protagonist Vincent Freeman natürlich gezeugt wurde, gilt dagegen als minderwertig und hat kaum eine Chance auf einen guten Beruf. Seine Gene sagen schließlich, dass er nicht gut genug ist. Und warum sollte man einem Menschen vertrauen, wenn ein Bluttest doch viel besser weiß, was aus ihm werden kann?

Vincent will aber unbedingt ins All und bei der Raumfahrtorganisation Gattaca arbeiten. Also kauft er sich die Identität von Jerome, dem genetisch perfekten ehemaligen Sportler, der nach einem Unfall querschnittsgelähmt ist. Mit dessen Blut-, Urin- und Haarproben tarnt Vincent sich als „Valid“ und besteht die ständigen Gentests. Ausgerechnet Jerome, der genetisch eigentlich alles richtig gemacht hat, zerbricht daran, seinem eigenen Ideal von Perfektion nicht gerecht zu werden. Well…

Und genau da wird die sterile Beauty von Gattaca interessant. Die Menschen sind schön, die Welt ist clean, alles hat seine Ordnung. Nur darf in dieser perfekten Welt niemand unperfekt sein. Vincent schafft trotzdem all das, was ihm sein genetischer Code eigentlich abgesprochen hat. Seine Stärke liegt ausgerechnet in seiner Fehlbarkeit, seinem Willen und seiner Fähigkeit, die Grenzen zu überschreiten, die seine Gene ihm gesetzt haben.

Gattaca zeigt damit vielleicht die unangenehmste Form von Perfektion: eine, die auf den ersten Blick überhaupt nicht grausam aussieht. Niemand muss aussehen wie ein Bösewicht, wenn Diskriminierung clean, effizient und wissenschaftlich begründet daherkommt.

Was alle drei Geschichten neben ihrer Obsession mit Perfektion gemeinsam haben, sind Protagonisten, die von ganz unten kommen. Katniss aus einem der ärmsten Distrikte Panems, Darrow aus der untersten Kaste seiner Gesellschaft und Vincent als natürlich gezeugter „In-Valid“ in einer Welt, in der deine Gene darüber entscheiden, was aus dir werden darf. Die Ausgangslage ist also bei allen ungefähr gleich: ziemlich *******

Und trotzdem schaffen es alle drei nach oben. Nur müssen sie dafür erst einmal so tun, als würden sie dort hingehören. Vincent kauft sich die Identität eines genetisch perfekten Menschen. Darrow lässt sich körperlich in einen Goldenen verwandeln. Und Katniss? Wird vom Mädchen aus Distrikt zwölf zum „Girl on Fire“, inklusive Makeover, Kleid und großer Show.

Sie benutzen also ausgerechnet das, was diese Systeme so lieben, gegen sie selbst: ihre Vorstellung davon, wie ein Mensch aussehen muss, um wertvoll, mächtig oder überhaupt relevant zu sein.

Und da wären wir wieder bei der Beauty. Denn natürlich könnte das Kapitol die Hungerspiele auch einfach als das zeigen, was sie sind: Kinder, die gezwungen werden, sich gegenseitig umzubringen. Nicht ganz so catchy. Also gibt es Kostüme, Interviews, Make-up, Sponsoren und Celebrity Culture dazu. Die Goldenen könnten ihre Herrschaft auch einfach mit Gewalt durchsetzen. Tun sie auch. Aber praktischerweise sehen sie dabei noch aus wie Götter. Und in Gattaca muss niemand offen sagen, dass manche Menschen weniger wert sind als andere. Das übernimmt der Bluttest.

Überzeichnete Beauty, göttliche Beauty, sterile Beauty. Sie sehen komplett unterschiedlich aus, machen aber alle dasselbe: Sie lassen etwas Grausames ein bisschen weniger nach Grausamkeit aussehen. Macht will schließlich selten hässlich wirken. Sie will schön, überlegen, fortschrittlich oder zumindest verdammt gut angezogen sein.

Und natürlich treiben Dystopien das Ganze auf die Spitze. Das Kapitol sieht aus wie ein Fashion-Fiebertraum, die Goldenen wie antike Götter und in Gattaca wird der perfekte Mensch gleich im Labor zusammengestellt. Aber genau das ist ja irgendwie der Punkt. Dystopien erfinden diese Mechanismen nicht unbedingt neu. Sie nehmen Dinge, die wir längst kennen, und drehen sie so weit auf, bis wir sie nicht mehr übersehen können.

Denn auch unsere Welt liebt schöne Fassaden. Macht inszeniert sich, Status wird über Aussehen sichtbar und Perfektion kann ziemlich überzeugend davon ablenken, was eigentlich dahintersteckt. Leid lässt sich leichter ignorieren, wenn es weit genug weg ist und die Oberfläche stimmt. Ungleichheit wirkt plötzlich weniger brutal, wenn sie als Erfolg, Fortschritt oder natürliche Überlegenheit verkauft wird. Nur brauchen wir dafür keine goldenen Augen oder genetisch optimierten Menschen.

Das eigentlich Unheimliche ist also nicht, dass diese Welten trotz ihrer Grausamkeit schön sind. Sie haben ihre Grausamkeit einfach schön gemacht.

 

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MAVIE SELLERE
Oktober 3, 2026
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