EIN MANN, DER MICH SEHR GUT KENNT, sagte neulich zu mir: „Du bist mit einer Machete durch dein Inneres gegangen und hast alles weggehauen, was nicht mehr zu dir gehört.“ Erst erschrak ich über dieses Bild, ich mit einem Buschmesser in der Hand. Es hatte so etwas Kämpferisches, so etwas Entschlossenes, Wildes, etwas, was gar nicht zu meinem Selbstbild der beherrschten, anmutigen Frau passt. Aber er hat recht. Manchmal fühlt sich dieser Zustand an, als würde ich im abgeholzten Dschungel meiner Seele hocken, mit nichts als meiner Essenz zur Hand. Ist die Essenz nicht das, wonach wir lebenslänglich suchen? Sie ist das, was von uns übrig bleibt, wenn Performance, Schleier und Selbstlügen nicht mehr funktionieren. Wenn die Vorstellung endet.
Kaum ein Begriff erlebte in den letzten Jahren so einen Aufschwung wie das sperrige Wort Authentizität, ob als verhaspelte Version auf Instagram oder als Selbstbeweihräucherung: die Sehnsucht nach filterloser Echtheit, nach undomestizierter Persönlichkeit wird in einer künstlichen Fakewelt immer lauter. Und dennoch kann man sich bei gleichzeitigem Wunsch nach der echtesten Version seiner selbst ängstigen vor dem, was dieses Nacktsein, was Vakuum und Stille mit sich bringen.
Ich hatte in meinem Leben mehr als eine Sinnkrise. Mehr als eine Häutung. Mehr als einen Abschied von einem alten Ich. Mehr als eine Trennung von einer Lebenssituation, die sich überholt anfühlte. Mehr als ein Ciao mit Autsch von einem Partner, einer Freundin, einem Job. Und von mehr als einem Guru. Man kann das Identitätskrise nennen oder den Zustand der stetigen Erneuerung als „Awakening Crisis“ betrachten. Erneuerung heißt ja nicht nur Abschiednehmen, es ist auch ein Aufwachen und ein Neustart. Eine Chance, wenn es gelingt, alle Anteile, die das Leben und einen selbst ausmachen, willkommen zu heißen, wenn man aufhört, sie einzuteilen in Gut und Böse, in Schön und Hässlich. Wenn man sie einfach mal so stehen lässt, sie in ihrer Polarität aushält, schafft man es vielleicht, sie eines Tages als das ganze Paket des Seins zu akzeptieren. Und als den allumfassenden Deal des irdischen Daseins wertzuschätzen.
Meditation ist auf diesem Weg nicht nur Mittel zum persönlichen Zweck, um sein wahres Selbst zu finden und bei sich zu bleiben. Die Innenschau wird in diesen partiell bekloppten Zeiten zu einer zivilen Pflicht. Wir haben vermutlich alle Sehnsucht nach Sinn, Halt, Frieden. Wenn in der Welt schon nicht machbar, dann wenigstens im Geist. Und nach irgendwas, an das man in all den Krisen noch glauben kann. Alles ist käuflich, ein ruhiger, klarer Geist ist unbezahlbar. Luxus und Luxusproblem in einem. Seit jeher habe ich Sehnsucht nach einem Geisteszustand, von dem ich sagen kann: „It’s nice in here“. Es ist der Grund, warum ich eine Suchende bin, und auch jener, warum ich nun in einem indischen Pyjama an der Amalfiküste sitze. Weder Schmuck noch Make-up noch Parfüm sind hier erwünscht. Über andere Stimulanzien müssen wir erst gar nicht nachdenken, es gibt nicht mal Kaffee. Handys sind nur auf den Zimmern erlaubt. Das Motto lautet: „At Datu being simply yourself is simply perfect.“ Auch die Umgebung ist makellos. Das Meditationsretreat findet im Palazzo Belmonte statt, der wie gemalt in einem wunderschönen Park mit altem Baumbestand und weißen Iris liegt.




