WACH WERDEN UND BLEIBEN

Unsere Autorin Susanne Kaloff hat an der Amalfiküste mit einem buddhistischen Meister meditiert und für uns aufgeschrieben, was passiert, wenn man nicht länger darauf wartet, dass Zeit Veränderung bringt, sondern sich Zeit gibt, selbst Veränderung zu werden. Klingt easy, ist es natürlich nicht. Eine radikal sanfte Auseinandersetzung

EIN MANN, DER MICH SEHR GUT KENNT, sagte neulich zu mir: „Du bist mit einer Machete durch dein Inneres gegangen und hast alles weggehauen, was nicht mehr zu dir gehört.“ Erst erschrak ich über dieses Bild, ich mit einem Buschmesser in der Hand. Es hatte so etwas Kämpferisches, so etwas Entschlossenes, Wildes, etwas, was gar nicht zu meinem Selbstbild der beherrschten, anmutigen Frau passt. Aber er hat recht. Manchmal fühlt sich dieser Zustand an, als würde ich im abgeholzten Dschungel meiner Seele hocken, mit nichts als meiner Essenz zur Hand. Ist die Essenz nicht das, wonach wir lebenslänglich suchen? Sie ist das, was von uns übrig bleibt, wenn Performance, Schleier und Selbstlügen nicht mehr funktionieren. Wenn die Vorstellung endet.

Kaum ein Begriff erlebte in den letzten Jahren so einen Aufschwung wie das sperrige Wort Authentizität, ob als verhaspelte Version auf Instagram oder als Selbstbeweihräucherung: die Sehnsucht nach filterloser Echtheit, nach undomestizierter Persönlichkeit wird in einer künstlichen Fakewelt immer lauter. Und dennoch kann man sich bei gleichzeitigem Wunsch nach der echtesten Version seiner selbst ängstigen vor dem, was dieses Nacktsein, was Vakuum und Stille mit sich bringen.

Ich hatte in meinem Leben mehr als eine Sinnkrise. Mehr als eine Häutung. Mehr als einen Abschied von einem alten Ich. Mehr als eine Trennung von einer Lebenssituation, die sich überholt anfühlte. Mehr als ein Ciao mit Autsch von einem Partner, einer Freundin, einem Job. Und von mehr als einem Guru. Man kann das Identitätskrise nennen oder den Zustand der stetigen Erneuerung als „Awakening Crisis“ betrachten. Erneuerung heißt ja nicht nur Abschiednehmen, es ist auch ein Aufwachen und ein Neustart. Eine Chance, wenn es gelingt, alle Anteile, die das Leben und einen selbst ausmachen, willkommen zu heißen, wenn man aufhört, sie einzuteilen in Gut und Böse, in Schön und Hässlich. Wenn man sie einfach mal so stehen lässt, sie in ihrer Polarität aushält, schafft man es vielleicht, sie eines Tages als das ganze Paket des Seins zu akzeptieren. Und als den allumfassenden Deal des irdischen Daseins wertzuschätzen.

Meditation ist auf diesem Weg nicht nur Mittel zum persönlichen Zweck, um sein wahres Selbst zu finden und bei sich zu bleiben. Die Innenschau wird in diesen partiell bekloppten Zeiten zu einer zivilen Pflicht. Wir haben vermutlich alle Sehnsucht nach Sinn, Halt, Frieden. Wenn in der Welt schon nicht machbar, dann wenigstens im Geist. Und nach irgendwas, an das man in all den Krisen noch glauben kann. Alles ist käuflich, ein ruhiger, klarer Geist ist unbezahlbar. Luxus und Luxusproblem in einem. Seit jeher habe ich Sehnsucht nach einem Geisteszustand, von dem ich sagen kann: „It’s nice in here“. Es ist der Grund, warum ich eine Suchende bin, und auch jener, warum ich nun in einem indischen Pyjama an der Amalfiküste sitze. Weder Schmuck noch Make-up noch Parfüm sind hier erwünscht. Über andere Stimulanzien müssen wir erst gar nicht nachdenken, es gibt nicht mal Kaffee. Handys sind nur auf den Zimmern erlaubt. Das Motto lautet: „At Datu being simply yourself is simply perfect.“ Auch die Umgebung ist makellos. Das Meditationsretreat findet im Palazzo Belmonte statt, der wie gemalt in einem wunderschönen Park mit altem Baumbestand und weißen Iris liegt.

 

 

Beim Eintreten in diese verwunschen vornehme Welt legen wir unsere Straßenkleidung ab, bekommen eine weiße Baumwollhose, eine weiße Baumwollkurta und einen beigen Poncho aus Sackleinen. Die Frage, wie die anderen und ich aussehen, ob ich over- oder underdressed bin, erledigt sich schnell. Unter dem einheitlichen Look lassen sich das Ego und jede frei erfundene Identität leichter ablegen.

Auf meinem Zimmer hängt ein weiteres frisch gewaschenes Set zum Wechseln im Schrank. Ich öffne neugierig alle Schubladen und die Minibar. Letztere ist ausgeräumt, der Fernseher ist mit einer Stoffhusse mit Palmenprint verhängt, hinter der Schreibtischtür entdecke ich ein ausgestöpseltes Festnetztelefon mit Kabelsalat, in der Wäscheschublade liegen zwei verwaiste Weingläser. Damit wir in den kommenden sieben Tagen nicht völlig aus der Zeit fallen, wird uns eine Armbanduhr zur Verfügung gestellt. Am ersten Tag stellte ich um 5 Uhr 40 morgens fest, dass ich zu blöd geworden bin, die Uhr zu lesen. Ich würde killen für einen Matcha.

Stattdessen nehme ich im Morgengrauen an der Feuerzeremonie teil, kippe das Becherchen mit meiner für mich bereitgestellten ayurvedischen Medizin runter, mache neben einem Heizpilz Yoga, spüle meine Augen mit einer Triphala-Kräutermischung, esse in der Gruppe in Stille einen Quinoa-Porridge mit Granatapfelkernen. Ich zähle die Kerne auf meinem Brei und schiele schweigend auf den Teller der Tischnachbarin. Sie trägt einen Badge am Poncho: „I’m in silence“. Ich erinnere mich an Julia Roberts in „Eat, Pray, Love“. Die Szene, wie sie in einem Ashram in Indien eincheckt und während der morgendlichen Kontemplation geistig ihren idealen Meditationsraum einrichtet, als sei sie Interieurdesignerin anstatt auf der Suche nach sich und dem Sinn des Lebens.

„MANCHMAL MUSS MAN WAGEN, ETWAS ZU BEENDEN, OBWOHL MAN NOCH NICHT WEISS, WIE DAS NEUE HEISSEN SOLL."

Nach dem Frühstück steht die erste Lektion des tibetischen Mönchs auf dem Programm: „The karmic clock is ticking“, haut Tulku Lobsang Rinpoche ohne Vorwarnung raus. Er ist ein hoher buddhistischer Meister und Lehrer, der im Nordosten Tibets geboren und im Alter von dreizehn Jahren als die achte Reinkarnation des Nyentse Lama wiedererkannt wurde. Nun ist er hier im Cilento zu Gast, um den Teilnehmenden aus allen Himmelsrichtungen das Meditieren näherzubringen: einem Therapeuten aus Frankreich, Sherry aus New Jersey, dem Chefarzt einer Kinderwunschklinik mit seiner Frau aus Genf, einer Niederländerin, die nach ihrem Dream-Retreat sucht (und es später findet), einer Schweizerin, die sich den Datu-Aufenthalt von einem Bonus nach zehn Jahren Firmenzugehörigkeit gönnt. Aber einige kommen auch hierher, um nach schwerer oder chronischer Krankheit zu ihrer Körperweisheit zurückzufinden.

Der Mönch sitzt lächelnd mit einer Gebetskette in der Hand auf einem Stuhl, und wir kleben an seinen Lippen. Man könne weder wählen, wann man geboren, noch, wann man sterben wird. Der Tag sei eine Aneinanderreihung unterschiedlicher Stimmungen und Momente, keiner sei statisch. Jeder einzelne Tag sei im Wandel, immer in Bewegung, während 24 Stunden wechsle die Stimmung von friedlich bis angenehm, von verstörend bis schmerzvoll. Alle drei Stunden ändere sich die Laune. Das sei die Bedeutung der karmischen Uhr. Ich rätsle, wie man in diesem engen Zeitfenster zur Ruhe findet und was das für ein blaues Licht ist, das in der Hosentasche einer Teilnehmerin leuchtet. Es wird schnell klar, dass digitales Detox nicht für alle erklärtes Lebensziel ist.

Landschaftsidylle in Stille: Susanne Kaloff im Meditationsretreat des Palazzo Belmonte an der Amalfiküste

Für Innenschau braucht es erst mal Bedingungen, die sie überhaupt zulassen. Erste Voraussetzung dafür ist nicht der Lotussitz. Es sind Stille und Reizarmut auf allen Ebenen: weniger Garderobe aka Eitelkeiten, weniger Geplapper, weniger Gedaddel, weniger, aber gute regionale Zutaten bei den Mahlzeiten, die Body und Birne nähren. Und die Unterscheidung zwischen „the noise and the voice“. Die Stimme kommt aus deinem tiefen Selbst. Der Lärm ist an der Oberfläche und kommt von außen: „To hear the voice you need to make peace with the noise“. Es braucht eine bewusste Entscheidung, den Geisteszustand zu besänftigen, sich und das Nervensystem zu beruhigen. Wenn du ruhiger wirst, hörst du die innere Stimme deutlicher. Du setzt dich aufrecht hin, schließt die Augen und trittst zurück in den Hintergrund, lässt alles an dir vorüberziehen, jeden Gedanken, jede Emotion, ohne dass du davon betroffen bist. Ohne dass du davon berührt bist. Die Wahrheit ist: Mich triggert das Handy in der Hosentasche der Sitznachbarin.

„WENN DU NICHT FÜRCHTEST, ETWAS ZU VERLIEREN, MUSST DU AN NICHTS FESTHALTEN. DAS KONZEPT VON VER- HAFTUNGSLOSIGKEIT IST COOL, UND ES IST ANFANGS SAUSCHWER UMZUSETZEN.“

Eines der ersten Teachings von Buddha lautet, dass nur zwei Dinge existieren: Vergänglichkeit und Leere. Diese Leere (Sanskrit: Śūnyatā) in der buddhistischen Lehre bedeute nicht, dass nichts existiert, sondern dass nichts ein statisches, unveränderliches Wesen hat. Alles vergeht, ändert und verändert sich ständig. Wir genauso wie die Natur um uns herum. Frieden im Geist sei die Realisation dieser Leere. Die Akzeptanz dieser Leere. „There is nothing to hold, nothing to lose“. Das klingt toll, es klingt nach Freiheit, nach Minimalismus des Geistes. Wenn du nicht fürchtest, etwas zu verlieren, musst du an nichts festhalten. Das Konzept von Verhaftungslosigkeit ist cool, und es ist anfangs sauschwer umzusetzen. Mit dem Weniger kenne ich mich aus. Ich bin in meinem Leben zehnmal umgezogen, erst von klein auf groß, dann wieder zurück von groß auf klein. Die Verkleinerung war nicht frei gewählt, aber nach einer Trennung und Auflösung der Kleinfamilie bitter nötig geworden. Ich verkaufte, verscherbelte, verschenkte alles, was aus Platzmangel nicht mit in die neue Bude kommen konnte. Löste dreizehn Jahre Familienleben auf, trat Erinnerungen, Nostalgie und Hunderte von Magazinen, in denen meine Texte veröffentlicht worden waren, in die Tonne, zog mit meinem Sohn und einem Zweisitzer auf die Hälfte der Quadratmeter in einen Stadtteil, in dem Kids nicht im Porsche Cayenne zur Schule gefahren wurden. Ich hatte eh nur einen Lupo. Es war kein Untergang, aber den emotionalen und körperlichen Gewaltakt als Transformation zu bezeichnen, ist keine literarische Übertreibung. Es gibt Zeiten, da braucht man einen Ort, an den man zurückkehren kann, um noch an irgendwas zu glauben. Um zurück zu sich zu finden. Zurück zur Lebenslust. Um weiterzumachen mit dem Alltäglichen, dem Schweren, um nicht das Schöne in all dem Hässlichen aus den Augen zu verlieren. Um eine Stimme zu hören, die weiter sieht, als man selbst vielleicht gerade imstande ist. Um die eigene Stimme wahrzunehmen, die verzweifelte, die zu Tode betrübte, die einsame, die trauernde Stimme. Um einen Hauch Mut zu spüren, wenn alles Angst ist. Dieser Ort kann ein Altar sein. Bei mir fing es damals in dem traurigen Sommer mit einem leeren Prada-Schuhkarton an. Ich saß täglich still davor. Arrangierte Blumen, Malas und Fotos von Meistern drauf. Er war lange Zeit mein Zuhause, mein Anker, mein Hafen. Irgendwann brauchte ich ihn nicht mehr, weil der Hafen heute in mir ist, egal, wohin ich schippere. Egal, wie stürmisch die See ist. Zum Meditieren braucht es keinen Guru. Aber auch das lernte ich erst viele, viele Sommer später „Never follow anyone, lead yourself.“

Eine Sorge, die mich seit meiner Kindheit treu begleitet hat, ist Angst. Vor allem die vor dem Tod. Die Vorstellung, dass wir alle eines Tages nicht mehr auf der Erde in unseren Wohnzimmern sitzen würden, begriff ich nicht. Hirn und Herz waren einfach nicht in der Lage, Endlichkeit zu verstehen. Da halfen auch keine Gesprächstherapien. Und Liebe machte alles nur noch schlimmer. Wie soll man loslassen, was man liebt? „If you don’t wanna die you better not be born“, sagt der Mönch nun. Keiner kann dieser Tatsache entkommen, die Realität ist größer als wir. Wir bräuchten ein gutes Verhältnis zum Wandel, weil Wandel die Natur der Dinge ist. Was uns Menschen unglücklich macht, sei, die Vergänglichkeit zu ignorieren.

Selig und nickend lauschen wir ihm alle, machen uns eifrig Notizen in unsere identischen grünen Kladden, um es nicht schon wieder direkt am Flughafen von Napoli zu vergessen. „Vergiss niemals den Tod, er lehrt dich etwas sehr Wichtiges. Live humble every day. Spend time with friends and family.“ Es klingt so unkompliziert wie ein Rezept für Spaghetti Cacio e Pepe. Wie erinnert man sich an die wenigen, aber essenziellen Zutaten für dieses Rezept? Indem man auf seine Gedanken achtet, nicht bloß sitzend auf einem Meditationskissen, sondern stetig. Der bisschen abgenudelte Begriff dafür ist Achtsamkeit, aber sie wirkt. Was sage ich im Kopf zu mir, was über andere? Was sehe, spüre ich, wie schmeckt, wie riecht etwas? Gegenwärtiger Moment, einziger Moment. Der erste Gedanke am Morgen soll sein: „I give my best, whatever comes I’ll take it, I’ll accept it.“ Das könne man 108-mal aufsagen. 108-mal? Hilfe, noch ein weiterer Punkt auf der endlosen Morningroutine-Liste, die es abzuarbeiten gilt?! Na ja, elfmal sei auch okay. Ganz wichtig sei auch zu lachen, und weil er ein sehr lustiger Mönch ist, demonstriert er es: „Haha, huhuhu, happiness brings health.“ Ich notiere „Huhuhu“ und lache. „Don’t believe in heaven, believe in happiness.“ Was, wenn du im Himmel bist und es dort nicht wie in einem 5-Sterne-Hotel aussieht? Dann bist du unglücklich im Himmel. Haha. „Nothing is perfect and that’s the reality.“ Es klingt geschrieben vielleicht hier und dort nach Kalendersprüchen, aber es ist ein magischer Nachmittag, wie wir an diesem warmen Frühlingstag alle miteinander friedlich in den exakt gleichen Outfits im Pavillon sitzen. Von Weitem höre ich das Lachen italienischer Großfamilien am Strand, kann ihre Kippen beinahe riechen, höre Mopeds knattern, bin ganz weit weg und ganz nah dran am Puls dieser parallel existierenden Wirklichkeiten. Die inflationäre Idee von Self-Care hat in der Realität nicht viel mit dem dusseligen Hashtag #afteryogaglow zu tun. Innere Arbeit ist ein Knochenjob. Sie bedeutet nicht Glass-Skin. Niemand sieht sie dir von außen an. Sie heißt, sich unbequeme Fragen zu stellen und die Antworten nicht zu kennen. Und falls doch welche aus dem Nichts aufploppen, sie nicht direkt wegzuwischen. „Inner work“ ist ein emanzipatorischer Akt. Sich zu fragen, was bin ich, was kann ich, was möchte ich und was auf keinen Fall auch nur einen Tag länger, ist manchmal ein mürber Prozess. Als ich mich vor drei Jahren entschied, die Kolumne, die ich zwölf Jahre lang wöchentlich für ein bekanntes Lifestyle Magazin schrieb, aufzugeben, freiwillig auf das Privileg, den Ruhm und die vermeintliche Ehre zu pfeifen, war das nicht leicht, aber es war überfällig. Ich war den Strukturen und dem mir zugeteilten Platz entwachsen. Ich wollte nicht, dass mir Chefredakteure vorgeben, über was ich in mei- nen Erzählungen aus der ersten Person Singular zu schreiben und wie viele Zeichen ich zur Deadline zu liefern hatte. Ich wollte nicht an der Oberfläche schwimmen, ich wollte apnoetauchen: nur einen tiefen Atemzug nehmen und dann fallen lassen.

DONT BELLEVE IN HEAVEN, BELIEVE IN HAPPINESS. WAS, WENN DU IM HIMMEL, BIST UND ES DORT NICHT WIE IN EINEM 5-STERNE-HOTEL AUSSIEHT? DANN BIST DU UNGLUCKLICH IM HIMMEL HAHA NOTHING IS, PERFECT AND THAT'S THE REALITY."

Manchmal muss man wagen, etwas zu beenden, obwohl man noch nicht weiß, wie das Neue heißen soll, ob es dafür überhaupt einen Namen gibt. Ob dich, deine Ideen, deine Kunst überhaupt jemand findet, sieht, liebt, dafür bezahlt. Du musst es dennoch tun. Ich fand einen Namen, als die Zeit und ich dafür reif waren: Suse In Your Pocket. So heißt meine Essay-Sammlung auf Substack, einer unabhängigen Plattform für unabhängige Schreiber. Niemand konnte mir vorab versichern, ob das eine gute oder eine kolossale Schnapsidee war. Man gibt seinen Status doch nicht freiwillig auf für Freiheit und Selbstverwirklichung. Doch, das darf man. Meine Courage wurde belohnt. Nicht nur monetär, auch mit wesentlich mehr Wertschätzung gegenüber meiner Arbeit. Für das, was ich gemacht habe, gibt es im Yoga auch einen Begriff. Er heißt „Yoga of the Lion: change yourself.“ Im Gegensatz dazu steht „Yoga of the Dog: change others.“ Der Mönch macht ein ernstes Gesicht: „Versuche niemals, andere oder die Um- stände zu ändern. Ändere dich.“ Ein mitfühlender Geisteszustand, der von Liebe begleitet und auf die eigene, individuelle Erleuchtung gerichtet sei, suche nicht mehr im Außen nach Fehlern. Er sucht immer weniger nach Mangel und Makel. Weder bei sich noch bei den Mitmenschen. Dieser Geisteszustand ist es, der sich durch Meditation mit viel Übung auf ein paar Umwegen mit etwas Glück und am Ende auch Demut finden lässt. Das Gegengift zu Angst ist nicht käuflich, ist nicht mit künstlicher Intelligenz zu erschaffen, ist auf Dauer nicht mal wegzudrücken. Sie fliegt dir eines Tages um die Ohren. Das Gegengift zu Angst ist Freundlichkeit, sind Menschlichkeit und Mitgefühl. Gegenüber denen, die anders denken. Gegenüber denen, die dich nerven. Gegenüber denen, die du nie verstehen wirst. Gegenüber denen, die du abgöttisch liebst. Und an allererster Stelle gegenüber dir selbst: Compassion is a painkiller.

Weisheit vor Sonnenuntergang: „The karmic clock is ticking“, sagt der buddhistische Meister Tulku Lobsang Rinpoche

[Autorin]
SUSANNE KALOFF
[Foto ]
BRITA SÖNNICHSEN
Oktober 27, 2026
TUSH 59
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