Sie benutzen also ausgerechnet das, was diese Systeme so lieben, gegen sie selbst: ihre Vorstellung davon, wie ein Mensch aussehen muss, um wertvoll, mächtig oder überhaupt relevant zu sein.
Und da wären wir wieder bei der Beauty. Denn natürlich könnte das Kapitol die Hungerspiele auch einfach als das zeigen, was sie sind: Kinder, die gezwungen werden, sich gegenseitig umzubringen. Nicht ganz so catchy. Also gibt es Kostüme, Interviews, Make-up, Sponsoren und Celebrity Culture dazu. Die Goldenen könnten ihre Herrschaft auch einfach mit Gewalt durchsetzen. Tun sie auch. Aber praktischerweise sehen sie dabei noch aus wie Götter. Und in Gattaca muss niemand offen sagen, dass manche Menschen weniger wert sind als andere. Das übernimmt der Bluttest.
Überzeichnete Beauty, göttliche Beauty, sterile Beauty. Sie sehen komplett unterschiedlich aus, machen aber alle dasselbe: Sie lassen etwas Grausames ein bisschen weniger nach Grausamkeit aussehen. Macht will schließlich selten hässlich wirken. Sie will schön, überlegen, fortschrittlich oder zumindest verdammt gut angezogen sein.
Und natürlich treiben Dystopien das Ganze auf die Spitze. Das Kapitol sieht aus wie ein Fashion-Fiebertraum, die Goldenen wie antike Götter und in Gattaca wird der perfekte Mensch gleich im Labor zusammengestellt. Aber genau das ist ja irgendwie der Punkt. Dystopien erfinden diese Mechanismen nicht unbedingt neu. Sie nehmen Dinge, die wir längst kennen, und drehen sie so weit auf, bis wir sie nicht mehr übersehen können.
Denn auch unsere Welt liebt schöne Fassaden. Macht inszeniert sich, Status wird über Aussehen sichtbar und Perfektion kann ziemlich überzeugend davon ablenken, was eigentlich dahintersteckt. Leid lässt sich leichter ignorieren, wenn es weit genug weg ist und die Oberfläche stimmt. Ungleichheit wirkt plötzlich weniger brutal, wenn sie als Erfolg, Fortschritt oder natürliche Überlegenheit verkauft wird. Nur brauchen wir dafür keine goldenen Augen oder genetisch optimierten Menschen.
Das eigentlich Unheimliche ist also nicht, dass diese Welten trotz ihrer Grausamkeit schön sind. Sie haben ihre Grausamkeit einfach schön gemacht.