WHAT MAKES A GYM IN 2027?

Ein Gym mit Zukunft muss mehr sein als ein Ort fürs Training, findet TUSH-Autorin Konstanze Hieber

In den letzten Wochen bekomme ich immer wieder Videos eingespielt, in denen Menschen ihre Woche anhand ihrer Gyms organisieren. Montag Reformer Pilates hier, Dienstag Strength Training dort. Für Recovery geht es noch einmal woanders hin, schließlich hat nicht jedes Studio die richtige Sauna oder den richtigen Cold Plunge.

Wann ist Sport eigentlich so kompliziert geworden? Ich versuche selber noch, überhaupt eine Routine zu finden – und ein Studio!

Früher war die Rechnung relativ einfach: Geräte, Umkleide, Dusche, fertig. Heute wollen wir gutes (Rot-)Licht und ein Ort, an dem der Handy-Tripod aufgebaut werden kann, motivierende Coachs, Reformer-Pilates, Sauna und Recovery. Umkleiden wie in einem Spa. Einen Kaffee danach und den perfekten Snack. Wenn man ohnehin schon da ist, einen Ort, an dem man auch gerne noch ein bisschen bleibt.

DIE KLASSISCHE MUCKIBUDE IST GONE.

Gyms sehen heute nicht nur besser aus. Unser Verhältnis zu Sport hat sich auch verändert. Training ist für viele kein notwendiges Übel mehr, um abzunehmen oder fit zu bleiben, sondern Lifestyle, Hobby, Gesundheit, Longevity, aber auch eine neue Art des Socializings. Wir verabreden uns zur Class, laufen gemeinsam im Run Club (anscheinend auch das perfekte Date?) und trinken danach Ceremonial Matcha.

Das Fitnessstudio war nie ein Ort für alle. In den 1970ern dreht sich alles um Bodybuilding, Muskeln und den perfekten Körper. Erst Aerobic holt in den 1980ern Frauen in die Studios, in den 1990ern kamen Yoga, Pilates und Wellness dazu. Wir arbeiten uns also schon ziemlich lange von reinen Muckibuden weg. Wow, sehen die jetzt gut aus! Parkettböden, Liegelandschaften, Spiegelwände, Lichtkonzepte, Naturstein und High-End-Beauty-Produkte in der Dusche. Bei HAGIUS in Berlin, einem state of the Art Gym/Health Club, reagiert biodynamisches Licht auf den menschlichen Biorhythmus, ein eigens entwickelter Duft gehört genauso zum Raumkonzept wie Materialien wie Granit, Esche und Leinen.

Was HAGIUS eben auch verstanden hat: es geht um mehr als einen schönen Background für das nächste Mirror-Selfie. Ein Raum entscheidet auch darüber, wie wir uns in unserem Körper fühlen: ob wir uns beobachtet fühlen oder aufgehoben. Gerade im Gym, wo Körper ohnehin permanent sichtbar sind, macht das einen Unterschied. Eternity in München versucht über Licht, Materialien und offene Räume sogar etwas gegen „Gym Anxiety“ zu  tun, dieses Gefühl, als Einzige/r die Geräte nicht zu begreifen, etwas falsch zu machen, sich „dumm anzustellen“. Gutes Design kann diese Schwelle kleiner machen. Aber gutes Design allein macht noch kein gutes Gym.

„Schönes Boutique-Interior reicht unserer Meinung nach definitiv nicht aus. “ sagt Kaya Ahrens, die mit ihrer Schwester Linda Stork das Lagree-Pilatesstudio BODY METHOD mitbegründet hat.

Fitness aus dem Bizepsbunker herauszuholen ist keine neue Idee. BODY METHOD brachte Lagree bereits 2014 aus Los Angeles nach Hamburg und hat Boutique Fitness in Deutschland damit früh mitgeprägt. Kleine Classes, persönliche Betreuung und ein Studio, das lieber gemütlich und einladend „wie ein Zuhause“ sein soll als eine „polierte Instagram-Ausstattung“. Schön soll es natürlich schon sein. Aber eben nicht nur. Echte Expertise und gewachsene Community sind die Grundlagen des Erfolgs der beiden Geschwister. Gyms werden schöner und zugänglicher, und der Anspruch an sie wächst mit. Wir trainieren längst nicht mehr nur für einen bestimmten Look. Wir trainieren für Beweglichkeit, Mental Health, zur Verteidigung und natürlich aus Gründen der Longevity. Wir wollen stärker werden, besser schlafen, uns schneller regenerieren und möglichst früh wissen, was in unserem Körper irgendwann einmal nicht funktionieren könnte.

THE WELL in Frankfurt geht dabei am weitesten. Beim Einstieg sollen mehr als 900 Datenpunkte erhoben werden. Dazu kommen medizinische Diagnostik, Training, Physiotherapie, Ernährung, Spa, Restaurant, Lounge und Workspace. 900 Datenpunkte. Girl, wollte ich eigentlich nicht nur Sport machen. Dahinter steckt ein sinnvoller Gedanke: Gesundheit beginnt nicht erst, wenn etwas nicht stimmt. Training kann Fürsorge für den eigenen Körper sein. Nicht nur als Strategie für den Beach Body des kommenden Sommers, sondern dafür, was er in zehn, zwanzig oder vierzig Jahren noch können soll.

Ich finde es richtig gut, dass wir so viel über Gesundheit und Fitness reden. Ich finde nur , dass zur Ruhe kommen genauso wichtig ist. Schlaf tracken, Protein essen, Schritte sammeln, Blutwerte kennen, Recovery planen. Ausgerechnet BODY METHOD sagt: Nicht alles muss „ausgewertet, getrackt und optimiert“ werden. Trink dein Wasser, klar. Aber gönn dir die Pasta – und auch deine Ruhezeit. Spaziergänge können ein HIIt-Workout perfekt ergänzen. Das Zählt auch.

„Man sollte bei der aktuellen Optimierung seiner selbst auch trotzdem einfach noch Leben und Genießen und die Leichtigkeit nicht verlieren. “ sagt Kaya Ahrens von BODY METHOD

Während Wellness immer individueller wird, übernehmen Gyms zunehmend eine andere Funktion: Sie werden zu Orten, an denen man nicht nur trainiert, sondern bleibt. Soho House übersetzt Fitness ziemlich konsequent in genau jene Hospitality-Welt, die es ohnehin beherrscht. Ich hab mir im Soho House Berlin den neuen Health Club angesehen und kann bestätigen: Er sieht toll aus. Das Pilates Workout war als Anfängerin genau richtig. Die Trainerin hat freundlich korrigiert und mich nie spüren lassen, dass ich es nicht gleichperfekt kann. Gym Anxiety also andersherum. Die Smoothies danach … extrem lecker.

Allgemein ist aktuell wohl das Motto weniger Martini, dafür mehr Matcha. Obwohl ich ja einen guten Drink liebe! Das eine muss das andere zum Glück nicht ausschließen. Vielleicht ist genau dieses Danach entscheidend. Menschen sehen sich jede Woche in derselben Class, kennen ihre Trainer und bleiben danach noch auf einen Kaffee. Aus Training entsteht Routine und aus Routine kann Nähe entstehen. „Wir spüren: Die Menschen suchen wieder echte Verbindung. Zu ihren Coaches, zu anderen Members, zu einer Community, die sie trägt. Das kann keine App ersetzen, und genau das macht das Gym der Zukunft aus.“ – Philippa Summer Mitgründerin von Eternity Health Club.

„Die alte Sorge, ‚bulky‘ oder zu muskulös zu werden, verschwindet zunehmend. (...) Frauen kommen mit einem klaren Ziel zu uns: stark werden, und zwar für die nächsten Jahrzehnte.“ - Kaya Ahrens Mitgründerin von BODY METHOD

Damit wird auch die Wahl des Gyms zunehmend zu einer kulturellen Entscheidung. Ähnlich wie unsere Lieblingsbar erzählt sie etwas über unseren Geschmack und darüber , zu welcher Community wir gehören. Oder zumindest gerne gehören würden. Wie weit Fitness inzwischen in andere Bereiche unseres Alltags gerückt ist, zeigt sich dort, wo man früher vor allem zum Shoppen hinging. Im Herbst 2026 eröffnet das KaDeWe in Berlin seinen neuen Hub for Health & Sports. „Train. Recover. Style.“ lautet das Konzept. Lagree Training, Recovery und Longevity treffen dort auf Activewear , Café und Beauty. Man kann trainieren, regenerieren, essen, shoppen und den Besuch mit einem Beauty-Treatment beenden. Das KaDeWe nennt das einen „Day Treat“. Na gut dann verbringe ich halt (natürlich total ungerne) meinen ganzen tag im KaDeWe.

WAS MUSS EIN GYM 2027 ALSO KÖNNEN?

Wahrscheinlich nicht alles. Nicht jedes Studio braucht 900 Datenpunkte, eine hyperbare Sauerstoffkammer , einen eigenen Duft oder den perfekten Matcha. Das schönste Interior bringt wenig, wenn niemand da ist, der weiß, wie man einen gesunden Körper trainiert. Eine Trainerin, die freundlich korrigiert, zum Beispiel. Den Kaffee, Matcha oder Smoothie danach nehme ich natürlich trotzdem. Aber mindestens genauso wichtig sind die Menschen, denen wir dort begegnen. Denn am Ende macht ein gutes Gym vielleicht vor allem eines aus: dass wir uns dort wohlfühlen und zwar unabhängig davon wie fit wir schon sind.

[EDITOR]
KONSTANZE HIEBER
Oktober 27, 2026
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