"All Seeing Eye", 2018, Fineliner auf Pergament

Der Weltenwanderer

Als jüngster der drei „Palaye Royale“-Brüder bewegt sich Emerson Barrett zwischen Musik und bildender Kunst und erschafft Welten, die Zeit und Realität überschreiten

"Duomo", 2022, Fineliner, Kohle, Graphit und Tuschelavur auf Pergament
"Antiquity Bridge", 2024, Fineliner, Kohle, Graphit und Tuschelavur auf Pergament

Als ich die drei Jungs zum Interview treffe, habe ich das Gefühl, als säßen mir drei Brüder aus drei unterschiedlichen Epochen gegenüber. Sebastian, im Glam-Rock-Anzug mit Mod-Haircut, hätte mühelos in die 1960er oder 1970er gepasst. Remington wirkt, als wäre er direkt der Grunge-Ära der Neunziger entsprungen. Und dann ist da Emerson: Er trägt einen Dandy-Anzug der 1920er-Jahre, eine Schirmmütze, Loafer mit roten Socken und mehrere Perlenketten um den Hals.

Wenn Emerson spricht, fühle ich mich wie Alice, die vor der weisen und mystischen Raupe im Wunderland steht. Er trägt eine ebenso runde Brille, wenn auch eine Sonnenbrille, eine Zigarette im Mundwinkel, und ich fühle mich teilweise in Trance versetzt. Er hat diese Aura eines Zeitreisenden, der eigentlich schon über 200 Jahre alt ist – umso weniger überrascht es mich, dass er nicht nur Drummer, Pianist und Songwriter ist, sondern sich ebenso intensiv in der bildenden Kunst ausdrückt.

Emersons Werke öffnen den Blick in eine eigene, in sich geschlossene Welt

"Apollo Courtyard", 2024, Fineliner, Kohle, Graphit und Tuschelavur auf Pergament

Inspiriert von Radiertechniken des 17. Jahrhunderts, erweitert um zeitgenössische Methoden, erschafft er ein Universum, dem er den Namen „Obsidian“ gegeben hat. Seine Kunst zeigt Bauten wie aus der Renaissance, im Hintergrund fliegen Heißluftballons. Das Papier ist leicht vergilbt, hier und da finden sich in seinen Werken Gedichte oder Wachssiegel. Emersons Bilder sind so akribisch gezeichnet, sie könnten Wimmelbilder aus Transsilvanien sein. In jeder Ecke wartet etwas Neues: eine versteckte Treppe, kleine Figuren, fragile Details. Mit jeder Zeichnung wächst seine Welt weiter: „Diese Arbeiten sind architektonische Blaupausen der Welt in meinem Inneren. Jeder Ausdruck lässt Obsidian realer werden.“

Um diese weiter auszubauen, schafft er 2018 die siebenbändige Graphic-Novel-Reihe „Avant Garde Society“, die die Geschichte des Obsidian-Imperiums erzählt: von Helden und Schurken, von Kriegen, Tragödien, Tod und Ruhm, angesiedelt zwischen den Jahren 1555 und 1881. Seine Kunst folgt dabei einer inneren Überzeugung:

„Jeder Mensch kommt mit einer stillen, aber unendlichen Energie auf diese Welt. Der inneren Stimme zu folgen, heißt, Verantwortung für das Leben zu übernehmen, das dir geschenkt wurde, und es mit Absicht, Ehrfurcht und Liebe zu gestalten.“

"The King's Head", 2025, Öl auf Leinwand

In seinem vielschichtigen Arbeitsprozess verbindet Emerson Fineliner, Kohle, Graphit und Tusche-Waschungen mit 3D-Modelling-Software und digitaler Malerei. Jedes Werk entsteht in mehreren Schichten, in denen traditionelle und moderne Techniken ineinandergreifen. Wie er zwischen Tourbus, Liveshows und Songwriting nicht nur die Zeit, sondern auch den inneren Raum für solch detailreiche Arbeiten findet, wirkt nahezu unmöglich: „Kunst war für mich schon immer Rückzugsort und Therapie zugleich. Sie ist Teil meiner Identität. Selbst meine persönliche Arbeit spiegelt oft die Band wider. Daraus hat sich schließlich die Graphic-Novel-Reihe entwickelt.“

Ein weiterer Teil seines Kosmos ist die Serie „Vandalized Portraits“: digital und von Hand gemalte Arbeiten, die innerhalb der Erzählung von Obsidian einen Moment des Umbruchs markieren. Nachdem ein neues Regime die Macht übernommen hat, liegt die Stadt in Trümmern. Die einst makellosen Porträts der Herrscher wurden in der königlichen Galerie vandalisiert – als sichtbares Zeichen eines Machtwechsels. Emerson Barrett schafft Werke, die zwischen Vergangenheit und Gegenwart, Handwerk und Vision, Realität und innerer Welt oszillieren. Seine Kunst wirkt ebenso mystisch wie er selbst und wird mit Sicherheit einen bleibenden Eindruck in unserer Gesellschaft hinterlassen.

[Text]
Mavie Sellere
[Kunst]
Emerson Barret
September 1, 2026
TUSH 58
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