Muss ich mit 23 schon an Longevity denken?

Zwischen Baby-Botox, Kraftsport und Handy aus der Hand legen

Ich bin Anfang 20 und plane schon, wann ich mit “Baby Botox” anfange. Wann Retinol in meine Pflegeroutine gehört, ob ich meinen Schlaf tracken sollte, wann Red-Light-Therapy sinnvoll wird und welche Supplements ich nehmen kann. Und mitten in diesem Gedankenkarussell taucht immer wieder ein Begriff auf: Longevity.

Kaum ein Trend scheint derzeit so präsent wie die Optimierung des eigenen Körpers und Longevity steht im Zentrum dieser Entwicklung. Dahinter steckt die Idee, nicht nur länger zu leben, sondern vor allem möglichst viele gesunde Jahre zu gewinnen.
Während die Zwanziger eigentlich als Zeit der Orientierung, des Ausprobierens und auch der Fehler galten, fühlen sie sich heute mehr wie der Start eines Countdowns an. Wir tracken unseren Schlaf, analysieren Blutwerte und denken über Prävention nach, lange bevor überhaupt etwas vorzubeugen ist.

Die eigentliche Frage ist deshalb nicht nur, ob ich diesen Wettlauf gegen meine innere Uhr antreten will, sondern ob es überhaupt einer ist.

Dr. Andrea Gartenbach ist Fachärztin für Innere und Funktionelle Medizin. Im Rahmen des Siemens Society Clubs auf der OMR habe ich mit ihr darüber gesprochen, was gesundes Altern heute bedeutet und warum Longevity oft anders aussieht, als Social Media es vermuten lässt.

„Viele machen zu früh zu viel. Ich würde einer Mittezwanzigjährigen niemals empfehlen, sofort mit einer hochdosierten Retinol-Creme anzufangen.“, sagt Gartenbach. „Es gibt nur wenige Menschen, die einen wirklich umfassend beraten können. Und im Longevity-Dschungel die Orientierung zu behalten, ist nicht einfach.“

Andrea Gartenbach beschreibt Longevity nicht als Zukunftstechnologie, sondern fast als einen Gemütszustand. Auf die Frage, was gesundes Altern für sie bedeutet, antwortet sie: „Inner peace and calm, physical performance and energy and meaningful experiences.“
Nicht Biomarker. Nicht Supplements. Nicht der optimierte Alltag. Für sie hat Longevity deshalb deutlich weniger mit Selbstoptimierung zu tun als viele vermuten.

„Stressmanagement, Regeneration sowie Bewegung und Sport sind entscheidend. Eine gesunde Ernährung mit unverarbeiteten Lebensmitteln, bewusstem Essen, Ballaststoffen, Fermentation, guten Ölen und Polyphenolen gehört genauso dazu. Letztlich geht es dabei um Energie, Resilienz, Klarheit und die Fähigkeit, das Leben aktiv zu gestalten.“

Also eher Wellness als Biohacking?

Ganz so einfach ist es dann aber doch nicht: „Es gibt den Lifestyle-Bereich mit Schlaf, Ernährung, Bewegung, Regeneration und Meditation und den technologischen Ansatz mit Eingriffen in Biochemie, Zellen und DNA“, erklärt Gartenbach. Für sie sind das allerdings keine Gegensätze. Diagnostik und personalisierte Medizin können wertvolle Werkzeuge sein – die Grundlage bleiben jedoch die täglichen Gewohnheiten.

Longevity bewegt sich damit irgendwo zwischen Morgenroutine und Molekularbiologie, zwischen der Frage, ob ich heute Nacht genug schlafe, und der Forschung daran, wie sich Alterungsprozesse auf zellulärer Ebene überhaupt steuern lassen.

Und trotzdem bleibt da eine Frage, die sich durch das Gespräch zieht und die all die Erklärungen wieder auf einen viel persönlicheren Punkt zurückholt: Warum denke ich da jetzt schon drüber nach, mit Anfang 20?

Die Antwort lautet Beauty.

Schließlich beginnt meine eigene Beschäftigung mit dem Thema auch nicht bei Zellforschung oder Biomarkern, sondern bei Retinol, Baby Botox und der Frage, wie man möglichst lange möglichst frisch aussieht.

Longevity scheint gerade die Antwort in allen Bereichen. Da wird die Siemens Dampfgarschublade in der Küche für ein Facial zweckentfremdet, Sardinen gehen viral als Superfood und plötzlich ist Kraftsport für Frauen die Lösung.
Dabei bedeutet Longevity ja eigentlich nur, möglichst lange gesund zu leben. Und nicht möglichst lange jung auszusehen und dennoch gehören Beauty und Longevity zusammen.

Auch für Andrea Gartenbach gehören Longevity und Beauty eng zusammen. Neben genetischen Faktoren wie Kollagenproduktion oder antioxidativer Kapazität spielt vor allem das eine Rolle, was sie als „Beauty von innen“ beschreibt: Ernährung, Darmgesundheit, Hormone und Regeneration. Hautgesundheit sei dabei häufig Ausdruck innerer biologischer Prozesse – etwa von Stoffwechsel, Entzündungen oder hormonellen Gleichgewichten. Ergänzt werden diese Faktoren durch äußere Maßnahmen wie Lichttherapie oder ästhetische Behandlungen.

Damit verschwimmt die Grenze zwischen klassischer Beauty und medizinischer Prävention. Hautpflege ist nicht mehr nur Kosmetik, sondern wird Teil eines größeren Gesundheitsverständnisses gedacht und umgekehrt wird Gesundheit immer stärker ästhetisch aufgeladen.
Der entscheidende Punkt sei jedoch ein anderer, sagt Gartenbach: Nicht alles, was möglich ist, ist auch nötig. „Würdevoll zu altern gehört genauso dazu.“

Je länger ich mich mit ihr über Longevity unterhalte, desto mehr entfernt sich der Begriff von dem Bild, das ich am Anfang im Kopf hatte. Ich hatte an teure Supplements gedacht, an Biohacking und an Menschen, die ihre Schlafqualität auf drei Nachkommastellen genau kennen. Stattdessen lande ich immer wieder bei denselben Grundlagen. Ich brauche mit 23 vermutlich kein Retinol als Strategie gegen das Altern, keinen Schlaftracker als Lebensversicherung und kein Baby Botox als Vorsorgeprojekt. Vielleicht reicht es erst einmal, wieder bei den Basics anzukommen: Schlaf, Bewegung, weniger Dauerstress. Und das klingt doch fast schon verführerisch nah nach Wellness und Urlaub.

[Interview/Editor]
Mavie Sellere
[Collage]
Lida Lucia
Juni 25, 2026
Archiv
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