Körperschnörkel

Ein Interview mit Micaela Schäfer

Foto: Armin Morbach für TUSH 54

Vor 20 Jahren begegnen sich Armin Morbach und Micaela Schäfer als Juror und Kandidatin bei der ersten Staffel von GNTM – für diese Ausgabe stehen sich die beiden als Fotograf und Reality-Erotikstar wieder gegenüber. Aus dem Mädchen mit dem Traum vom Ruhm, ist eine Frau geworden, die viel dafür getan hat, diesen zu erreichen – und dafür auch „viel hat machen lassen“. Ihre Körperschnörkel sind zu ihrem Markenzeichen geworden. Egal, wie laut diese sind, Micaela Schäfer ist leise – fast unauffällig – als sie in Jeans und Parka in unseren Studios ankommt: „Hi, ich bin die Mica!” Sie ist interessiert und höflich. Sie spricht frei und macht sich frei, aber mehr als diese erwartbare körperliche Geschichte ist das ein Freimachen von Verurteilungen anderer. Wer steckt hinter dem Phänomen Micaela Schäfer?

Fotos: Armin Morbach für TUSH 54

Wie reagierst du auf Menschen, die Nacktheit als etwas Tabu oder Anstößiges betrachten? Gibt es eine Botschaft, die du diesen Menschen mitteilen möchtest?
Am Anfang meiner Karriere hatte ich natürlich mit viel Gegenwind zu rechnen. In Amerika und England war es total normal, als Model zu arbeiten und erotische Fotografie zu machen. Aber ich habe vor 20 Jahren in Deutschland angefangen. Da gab es noch kein Only Fans und Nacktheit war ein Tabuthema. Wir kommen alle nackt zur Welt und verlassen die Welt auch nackt. Deswegen hat es für mich überhaupt nichts Anstößiges. Letztendlich habe ich gelernt: Man kann Personen Botschaften gar nicht mitgeben, denn wenn jemand schon so engstirnig ist und solche Einstellungen vertritt, kann man die Menschen meist nicht verändern – und ich möchte sie auch überhaupt nicht verändern. Im Prinzip lebe ich auch von der Provokation. Das heißt, hätte es keine Tabus gegeben oder hätten Menschen meine Arbeit nicht als anstößig empfunden, wäre ich auch nicht so weit gekommen. Wäre ich jetzt mit dieser Nacktmasche aufgetreten, würde das nicht mehr für so viel Furore sorgen, weil sich die Gesellschaft verändert hat. Jedes zweite Mädel macht mittlerweile Only Fans. Und das ist gar nicht mehr so etwas Besonderes. Ich habe einfach Glück, dass ich in Deutschland die Vorreiterin war.

Wann hast du konkret zum ersten Mal am eigenen Leib erfahren, wie sehr Nacktheit polarisiert, aber dich eben auch weiterbringt?
Um zwei Beispiele zu nennen: Bei “Germany’s Next Topmodel” bin ich durch die Nacktaufnahmen sehr aufgefallen. Ich wäre schnell in der Versenkung verschwunden, wenn ich das nicht gemacht hätte. Bei der “Miss Germany”- Wahl bin ich ein paar Tage vor dem Finale wegen Nacktfotos rausgeflogen – hatte aber mehr Schlagzeilen als die “Miss Germany” selbst. Nacktheit polarisiert, aber nicht nur negativen Sinne. Es macht mir Spaß solche charmanten Skandale zu haben. Nacktheit ist in meinen Augen ja gar nichts Strafbares.

Warst du immer so offen und selbstbewusst?
Als Kind war ich sehr schüchtern. Wahrscheinlich hätte niemand gedacht, dass ich jemals erfolgreich in der Medienbranche arbeiten werde und dann noch mit so einem provokanten Thema wie Nacktheit. Keine Ahnung woher der Drang kam. Das steckte einfach in mir drin. Ich wollte schon immer berühmt werden.

Wann hast du den Punkt für dich erreicht, dass du dich, um berühmt zu werden, auch nackt machen würdest?
Mit Nacktaufnahmen habe ich früh angefangen und gemerkt, dass es mir Spaß macht, meinen Körper zu zeigen. Ich habe mich auch in der Fashionbranche ausprobiert, aber schnell gemerkt, dass es nicht meine Bühne ist. Einen Beruf wie Schauspielerin, Moderatorin oder Sängerin hätte ich sicherlich durch eine entsprechende Ausbildung oder gezielten Gesangsunterricht erlernen können. Ich hatte aber einfach keine Lust, diese Jobs auszuüben. Die Reality- und Erotikbranche hat mich dagegen sehr glücklich gemacht. Vor 20 Jahren gab es keine Social Media Stars und wenige Reality Shows. Das heißt, als unbekanntes Mädel musstest du erstmal sehen, wo du bleibst.

Es folgte deine Teilnahme bei “Germany’s Next Topmodel”.
“Germany’s Next Topmodel” war die erste Show, die polarisierenden Mädchen eine Chance gegeben hat. Böse gesagt – was gar nicht böse gemeint ist – konnten dort Mädchen teilnehmen, die “nichts konnten” in den Bereichen mit denen man sonst berühmt wurde: Schauspielerei, Gesang oder Moderation. Man hat ja gesehen, wie viele Reality-Sternchen sich daraus entwickelt haben. Das war am Anfang mehr. Jetzt flacht es ein bisschen ab und es war für mich natürlich ein wahnsinniges Sprungbrett. Heute werden einem die Shows hinterhergeworfen. Es gibt wahnsinnig viele Möglichkeiten für Menschen, sich der Öffentlichkeit zu präsentieren.

Die Branche und die Gesellschaft haben sich verändert. Wie groß siehst du die Fortschritte in Bezug auf die Akzeptanz von Nacktheit und individueller Schönheit oder siehst du weiterhin Herausforderungen, die bewältigt werden müssen?
Die Gesellschaft wurde fast in diese Veränderung rein gedrängelt. Zum einen durch die Medien, aber auch dadurch, dass es mittlerweile ein neuer Berufsstand geworden ist. Nacktmodelle wurden früher sehr beäugt. Was ist denn schon ein nacktes Model? Models waren nur anerkannt, wenn sie Mode trugen. Dabei war schon Helmut Newton ein Vorreiter der großen Aktfotografie. Es gab trotzdem nie wirklich einen Nacktstar. Das war sehr, sehr selten. Heute gibt es verschiedene Stränge in der Modelbranche. Es gibt eben nicht nur die Fashion Models. Es gibt zum Beispiel auch Fitness-Models oder eben die Erotik-Models. Ich liebe es auch, wenn sich Branchen vermischen: Wenn beispielsweise ein Tattoo-Model für Modejobs gebucht wird. Individuelle Schönheit hat sich definitiv sehr entwickelt. Es gibt also große Fortschritte, aber Menschen wehren sich vehement dagegen, deshalb braucht manches ein bisschen länger Zeit. Als das Handy in Mode kam, haben fast alle gesagt: “So etwas brauche ich nicht, so etwas will ich nicht.” Letztendlich kann heute niemand darauf verzichten.

Fotos: Armin Morbach für TUSH 54

Wie hoch ist für dich auch heute noch die Belastung, ständig mit Vorurteilen klarkommen zu müssen?
Nach 20 Jahren in der Branche habe ich mir ein dickes Fell zugelegt. Seit 10 oder 12 Jahren habe ich meinen festen Platz und komme gar nicht mehr mit irgendwelchen Vorurteilen in Berührung. Das liegt sicherlich auch daran, dass ich keine Social Media Nachrichten lese und mich so davor schütze, was fremde Menschen von meiner Kunst und von meinem Wesen denken. Ich bin eher ein Mensch, der Positives aufnimmt und das Negative schnell verdrängt, was sehr gut ist. Deswegen fällt mir fast nur Positives ein und nichts Negatives.

Welche Ratschläge würdest du Menschen geben, die sich selbst im positiveren Licht sehen möchten und mehr Selbstakzeptanz in Bezug auf ihren eigenen Körper entwickeln wollen?
Ihr solltet nicht so viel auf Social Media abhängen, denn es ist eine absolute Scheinwelt. Sie gibt etwas vor, das es nicht gibt. Natürlich gibt es wahnsinnig gut aussehende Menschen. Man sieht auf Social Media aber Inhalte, die mit gewissen Apps oder Filtern bearbeitet wurden. Obwohl man das weiß, nimmt man es unbewusst wahr und zweifelt an seinem eigenen Körper. Deswegen sage ich immer: “Haltet euch ein bisschen mehr von Social Media fern. Folgt Accounts, die für mehr Selbstbewusstsein plädieren oder Ratschläge geben. Trefft euch mit Menschen in der realen Welt. Macht wieder mehr mit euren Liebsten und eurer Familie. Nehmt euch im realen Leben wahr. “ Dann verschwinden auch diese wahnsinnig überzogenen Werte und Schönheitsideale. Denkt auch mal wirklich ernsthaft darüber nach und umgebt euch mit Leuten, die euch schön finden, so wie ihr seid.

Wann fühlst du dich am schönsten?
Es gibt einen Unterschied zwischen am schönsten und am geilsten. Wenn ich zwei Stunden in der Maske war und für die Öffentlichkeit posiere, fühle ich mich am geilsten. Das klingt obszön, aber ich finde, jede Frau sollte sich immer ein bisschen geil finden, denn so etwas ist ja auch etwas Sexualisierendes. Sex haben wir hoffentlich alle. Deswegen gebe ich das immer jeder Frau mit: “Stell dich in den Spiegel und finde dich geil. Es wird dir Selbstbewusstsein und Ausstrahlung geben.” Am schönsten finde ich mich ungeschminkt. So präsentiere ich mich auch in Social Media Storys, im TV oder wenn ich aus dem Haus gehe. Zu den Frauen, die immer leichte Grundierung und ein bisschen Mascara auftragen, gehöre ich nicht. Das muss natürlich jede Person für sich selbst entscheiden, aber ich habe mit dem Ungeschminkt sein überhaupt kein Problem.

Zum Abschluss: Wie viel „Kraft“ kostet es, Micaela Schäfer zu sein?
Das ist eine sehr lustige Frage. Kraft kostet es mich keine. Es macht Spaß Micaela Schäfer zu sein und aufregende Projekte zu machen, wie dieses Mal für TUSH. Es war toll, wieder anders zu sein und zu provozieren.

Text & Interview KIKI ROLOFF
Foto ARMIN MORBACH (für TUSH Ausgabe 54)
Make-up MELISSA RIGHI Ballsaal
Haare NADINE BAUER Ballsaal
Maniküre ACETONENAILS
Bildbearbeitung SEBASTIAN REUTER
Digital Operator WINSTON SUSSENS
Fotoassistenz ARIEL OSCAR GREITH
Make-up-Assistenz PABLO BARCKHAHN

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