LIFE ON NARS

1994 machte sich der heute 58-jährige
 François Nars in NY einen Namen, als er zwölf Lippenstifte im Kaufhaus Barney‘s lancierte. Heute ist NARS ein globales Unternehmen. Seine Shops und Counter gibt es auf der ganzen Welt – und nun auch in Deutschland

Für das Interview mit François Nars werde ich in die sahnefarbene Suite im Mark Hotel, Uptown New York, geführt. Auf dem meterlangen Flatscreen läuft eine Dauerschleife aus Nars’ Foto- grafien, seiner Privatinsel Motu Tane und Produktmoods. Auf den gelackten und natürlich fingerabdruckfreien Tischen und Marmorfenster- bänken reihen sich die aktuellen Produkte in ihren mattschwarzen Hüllen, daneben sein Buch — der biografische Band François Nars. Sein Team hat mich so intensiv wie charmant auf dieses Interview eingestimmt. Ich weiß, dass Monsieur 
Nars gern roten Lippenstift sieht, kenne seine Biografie, die erste Boutique und weiß auch, dass ich unbedingt nach einem Selfie fragen kann. Welches später unaufgefordert von seiner Kommunikations-chefin erledigt wird – sie knipst uns aus 1,5 Meter Entfernung. Für unser Gespräch werde ich in das zweite Wohnzimmer der Suite geführt: François Nars trägt einen edlen dunklen Anzug, getönte Brille, rabenschwarzes glänzendes Haar. Er wirkt alterslos, elegant, gelassen. Er macht mir ein Kompliment für mein Make-up. Das ist selbst- verständlich von Nars, inklusive des roten Lippenstifts.

Auf Ihren Produkten steht nicht nur Ihr Name, Sie sind immer noch sehr involviert, richtig?

Ich bin zu 100 Prozent involviert, das ist eine riesige Sache. Einige Kollegen haben ja auch Kosmetiklinien. Aber so wie bei mir war’s sonst vielleicht nur bei Serge Lutens. Es ist wirklich selten, dass man als Make-up-Artist stark dabei ist. Ich habe Serge auch mal porträtiert, er ist eine Ikone für mich.
 Leider haben wir nie zusammengearbeitet. Aber ich bewundere seine Arbeit sehr.

Zeit, dass wir über Sie reden. Was war die größte Herausforderung in Ihrer Karriere?

Immer am Ball zu bleiben und nicht einfach wieder zu verschwinden. Zu wissen, ich mache das Richtige. Immer modern zu bleiben und die Konkurrenz nicht aus
 den Augen zu verlieren.
 Heute ist das schwerer als je zuvor. Ich möchte meine Marke weiter wachsen lassen, ein starkes Image kommunizieren, das nicht verwässert wird, und die DNA der Marke für die Zukunft bewahren.

Und wie gelingt das?

Dafür folge ich meinem Instinkt. Ich war nie verzweifelt bemüht oder habe verkrampft versucht, trendy zu sein. Es kommt wie von selbst. Ich folge meiner Vision, habe aber auch einen hohen Standard. Ich bin ein Perfektionist. Alles, was von Nars kommt, muss meinem Anspruch genügen. Das gilt nicht nur für die Produkte, sondern auch für die Visuals, also die Models, den Look. Ich versuche trotz- dem, alles entspannt zu halten. Ich denke, man muss lieben, was man tut, und Spaß dabei haben – dann wird es keine stressige Angelegen- heit. Bei so viel Arbeit sollte es doch auch ein Vergnügen sein dürfen!

FRANÇOIS NARS und NAOMI CAMPBELL

Das klingt sehr nett.

Ich bin aber auch professionell und streng. Ich erwarte immer nur das Beste, deshalb ist es nicht einfach, mit mir zu arbeiten. Aber wenn alles stimmt, macht’s Spaß.
Ich pushe eher, als einfach abzunicken – das macht es ja aber auch spannend. Ich bin detailverliebt und sehr genau. Und nur so funktioniert ein großes, erfolgreiches Unternehmen: wenn auch die kleinsten Details stimmen.

Eine sehr amerikanische Sichtweise, oder?

Ich bin seit mehr 30 Jahren in den USA, kann schon sein, dass das meine amerikanische Seite ist. Auch wenn ich Franzose bin, ich fühle mich inzwischen amerikanisch. Eine gute Kombi, speziell wenn man ein Unternehmen aufbaut. Ich kenne die europäische Kultur, aber ich habe viel in den USA gelernt. Ich wollte mich hier anpassen, aber meine Kultur dabei nicht aufgeben. Ich möchte auch niemals einen French Look kreieren,
sondern etwas Eigenes.

Und was macht dann den französischen Einfluss für Sie aus?

Die Kultur Europas – wir haben eine andere Sichtweise auf Schönheit und Mode. Wie wir mit Kunst und Literatur aufwachsen, ist ganz anders als in den USA. Als ich hierher kam, waren die Amerikaner heiß auf unsere Kultur,
 und gleichzeitig war ich heiß auf Amerika. In Bezug auf Make-up sind Franzosen etwas reduzierter, in den USA lieben die Menschen es, sich zu schminken, viel mehr als in Europa.

Daran arbeiten wir…

Das ist großartig!
 Ich bin hierhergekommen, um den Leuten zu zeigen:
 Less is more. Du musst gar nicht so dick auftragen,
 um glamourös auszusehen. Und dann habe ich von ihrem Glamour gelernt, habe Hollywoods Glanz aufgesogen und gemerkt, dass Frauen
hier einfach gerne sehr sexy aussehen wollen. Dabei übertreiben sie es manchmal. Ich sorge dann für die Balance.

Was war Ihr bisher bester Moment?

Da gibt es einige. Alleine
 die Marke Nars zu entwickeln, war natürlich der Wahnsinn. Dann die vielen Menschen, die ich getroffen habe – Stars ebenso wie normale Leute. Ich gehe ja manchmal noch in
 die Läden, und auch das ist ein Highlight. Davor bin ich
 selber nervös, ich bin sehr schüchtern, keine Person,
 die gerne in der Öffentlichkeit steht. Und wenn ich die
 vielen Menschen sehe, die Nars lieben, berührt mich das
 sehr. Diese Momente sind stets besonders. Wenn ich abends ins Bett gehe und weiß, 
dass überall auf der Welt gerade meine Produkte gekauft werden – dann ist das großartig. Das ist ein fabelhaftes Gefühl.

TIMOTEO VALANA und PAOFPI TAINA aus dem Buch FAERY LANDS - TAHITI

Wie entwickeln Sie die Farben und Produkte?

Ich kann Frauen sehr gut zuhören, deshalb weiß 
ich, was sie sich wünschen. Klar gibt es auch klassische Marketing-Tools, aber ich versuche, mich da nicht zu sehr drauf zu verlassen.
 Es blockiert die Kreativität. Ich versuche, eine Balance zu halten aus dem, was ich wirklich mag, und dem, was nicht kommerziell ist, aber image bildend. Und dann, natürlich, sollte es sich gut verkaufen.

Sie sind selber Make-up- Artist. Wie hat Sie das beim Entwickeln Ihrer Marke beeinflusst? Die Anforderungen bei einem Shoot sind ja ganz andere als die einer normalen Frau, die Ihre Produkte kaufen soll.

Ich habe da nie einen großen Unterschied gemacht. Ich wollte vor allem bei Editorials Frische reinbringen. Mein Make-up war mehr inspiriert von der Straße und dem echten Leben. Anders als zum Beispiel Serge Lutens, der eher Looks entwickelte, die nichts mit der Realität zu tun hatten. So einer war ich nicht. Ich habe eher für die Frauen gearbeitet, ich war kein Maler. Zwischen Studio und Straße lag für mich keine Grenze. Ich denke, das hat dem Thema frischen Wind gegeben, eine leichtere Basis, mehr Transparenz. Die Fotografen haben genau das geliebt. Und die Frauen haben sich auch sexier gefühlt. Meine Mutter sah auch
 immer sehr natürlich
 aus, selbst mit Make-up – und das hat mich auch geprägt.

 

Und wann wussten Sie: Ok, jetzt mache ich selber Fotos?

Ehrlich gesagt war es einfach so, dass ich zum Launch
 von Nars kein Geld hatte, um einen Fotografen zu bezahlen. Ich dachte einfach: Das kann ich jetzt machen, ich habe ja jahrelang mit den besten Fotografen der Welt gearbeitet, ich habe viel über Licht und den Ablauf gelernt. Ich meine, ich habe mit Richard Avedon gearbeitet – welche bessere Schule kann es für Fotografie geben? Also habe ich es dann einfach getan. 
Gleich danach wollte ich ein Porträtbuch machen.
Dafür habe ich dann 60 Leute fotografiert, von Stars 
bis hin zu Normalos. Ich liebe es – und es ist
 der Kosmetik so nahe, ich fotografiere auch viel
 lieber Menschen als Still Life. Ich fühle mich als
 Porträtist, nicht als Fotograf.

Und wer darf das Make-up machen, wenn Sie fotografieren? Oder tun Sie’s selbst?

Ich bin immer sehr 
involviert, aber arbeite mit unterschiedlichen Artists.
 Es ist natürlich nicht so einfach, weil ich so genau bin. Da ist ziemlich viel Druck. Aber ich liebe es auch,
 die Leute zu pushen und zu sehen, wie sie sich entwickeln. Wenn mir aber etwas
 nicht gefällt, sage ich es, ich bin sehr ehrlich. Ich verstehe mich aber eigentlich immer gut mit den Artists
– ich kenne ja ihre Seite. Ich mag es auch, unterschiedliche Interpretationen zu sehen. Ich habe da kein großes Ego, ich sehe es eher als Bereicherung. Ist doch toll, wenn jemand eine Idee einbringt, die ich selber nicht hatte. Und es ist auch für
 die Marke Nars gut.

Was ist wichtiger: etwas Neues oder etwas Schönes zu erschaffen?

Mir ist wichtig, dass 
es interessant ist. Ich hasse langweilige Schönheit. Einfach nur hübsch ist zu wenig. Es muss klick
 machen, es muss mich irgendwie treffen.
 Natürlich soll es dabei schön sein, es sollte nicht um
 jeden Preis schocken. Aber es muss überraschen –
ob edgy oder auch ein bisschen seltsam.
 Es ist allerdings ein sehr schmaler Grat, auch 
ein verrücktes Make-up
 muss immer noch gut aussehen und funktionieren.

LINDA EVANGELISTA und KATE MOSS Backstage, zirka 1995

Und wie findet man nach so vielen Jahren immer noch interessante Looks?

Es ist schwer, ohne Frage, aber eben auch Teil meines Jobs. Dafür werde ich ja auch bezahlt (lacht). Ich entdecke gern, auch wenn es nicht einfach ist. Ich
 trage damit ja auch eine große Verantwortung für die Marke. Man muss sich sicher sein, den richtigen Weg einzuschlagen. Aber bisher läuft es ja ganz gut. Ich arbeite aber ununterbrochen an neuen Nuancen. Ich mixe auch oft Farben 
in meinem Studio. Der Markt verlangt ja auch dauernd neue Farben. Und ich will ja keine Supermarkttöne entwickeln. Es muss immer sophisticated sein. Es wird auch immer schwerer, neue Nuancen zu finden. Dagegen ist das Kreiieren von Visuals viel einfacher.

Wo schöpfen Sie Ideen, wo tanken Sie Energie? Auf Ihrer Privatinsel?

Ach, die möchte ich eigentlich verkaufen. Natur, Reisen natürlich, Berlin, Paris, Tahiti, Architektur, Musik, manchmal auf der Straße, beim Essen. Ich bin da nicht so der intellektuelle Typ, der nur in der Hochkultur Inspiration findet.
 Das geht zwar auch, aber manchmal reicht eine Tasse Kaffee. Wenn er das richtige Braun hat…Sonst limitiert man sich ja auch zu sehr. Es wird einfacher, je mehr man sieht.

Was war das tollste Kompliment, das Sie persönlich je bekommen haben?

Ich liebe es, mit Tilda Swinton zu arbeiten – und sie sagte einmal, dass sie meine Bilder liebt. Das war für mich ein großes, bedeutendes Kompliment, weil es von 
ihr kam. Sie hat ein sehr feines Gespür für Stil, kennt sich mit Mode und Kunst aus, 
ist sehr intelligent und pflegt einen hohen Standard 
auch hinsichtlich ihrer Arbeit.

GINIA LAPINA in einer NARS-Kampagne
MOTU TANE. Französisch Polynesien, fotografiert von Patrick Demarchelier

Haben es Make-up-Artists heute leichter?

Wenn ich Nars heute entwickeln müsste, wäre 
es viel schwerer. Es gibt viel mehr Konkurrenz, es gibt heute so viel mehr auf dem Markt. Als ich anfing, 
gab es ein paar große Marken, aber kaum etwas für
 oder von Make-up-Artists. Man muss schon wissen,
 was man tut. Oder einfach ein Celebrity sein. Das reicht ja heute auch schon.

Welchen Rat würden Sie Ihrem jüngeren Ich heute geben?

Ich hätte vielleicht manchmal etwas vorsichtiger bestimmten Menschen gegenüber sein sollen. Ich vertraue Leuten sehr schnell. Das hat aber mehr mit meinem Privatleben zu tun. Was meine Karriere angeht, würde ich nichts anders machen wollen. Warum denn auch? Ich habe den richtigen Weg genommen.

Was ist Schönheit für Sie?

Ich mag keine Plastikfrauen, deshalb habe ich ja auch meine Ästhetik nach Amerika gebracht. Es muss 
nicht immer perfekt sein, blaue Augen, blonde 
Haare. Ich mag Diversität. Interessante Gesichter
 sind mir lieber als total symmetrische. Charakter, Substanz, Charisma sind wichtig. Nicht die Oberfläche. Anders sein finde ich schön.

 

NARS Audacious Lipstick - Rita
Nars Blush - Orgasm
NARS The Multiple - Copacabana
[Interview]
Laura Dunkelmann
Juni 4, 2018

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