Martin Margiela - Mythos der Mode

Regisseur Reiner Holzemer im Interview über das größte Mysterium der Mode

Interview Reiner Holzemer x Simon Riepe
 
Seit 32 Jahren „tab-en“ Martin Margiela Fans im Dunkeln. Aber wer ist der Mann hinter den ikonischen Schuhen, der seinen Models die Gesichter verhüllt und auch selbst nie vor eine Kamera tritt? Reiner Holzemer hat es heraus gefunden und zeichnet das Portrait eines Mannes, der das Rampenlicht bis heute scheut. TUSH trifft Reiner Holzemer zum Interview in Hamburg: 

Wie ist es mit Martin Margiela zu arbeiten? 

 

Im Grunde ist Martin ein einfühlsamer und zuvorkommender Mensch. Mit ihm zu arbeiten, kann ganz einfach sein, es kann aber auch wahnsinnig kompliziert sein: Er ist ein sehr höflicher Mensch, schnell auf den Punkt, kann sich aber auch in Details verlieren. Wir haben uns mehrmals für fünf Tage in Paris zum Drehen getroffen und es war häufig so, dass wir den ersten Tag sehr intensiv gefilmt und im Anschluss vier Tage nur geredet haben- wie es weiter geht und was man noch machen kann. Martin ist ein Mensch, der alles in Frage stellt: Wenn ich die Kamera rechts hingestellt habe, fragte er, warum sie nicht links steht. Das könnte man bei ihm auch so als Grundprinzip benennen, da er nichts lässt, wie es ist, er nichts für gegeben erachtet und die Dinge immer komplett neu denkt. Das macht ihn ja auch so einzigartig.

Martin Margiela ist vielen ein Rätsel, wie kamen sie an ihn heran?

 

Nach dem Dries-van-Noten-Film wollten wir eine weitere Dokumentation drehen – auch ein Portrait im Bereich Mode. Ich habe dann in Antwerpen die Ausstellung über Martin Margiela’s Arbeit bei Hermés gesehen und sie hat mich aus verschiedenen Gründen fasziniert. Zum Einen fand ich die Dinge, die ich da gesehen habe, extrem elegant und zeitlos, zeitgleich waren seine eigenen Mannequins, mit den Plastik-Tops und verhüllten Gesichtern, so irritierend und spannend. Ich habe versucht mehr über ihn herauszufinden, aber es gab so wenig, was man über ihn wusste – da dachte ich, der ist doch was für mich.

 

Ich hatte dann ein wenig Glück: ein Modehistoriker in Paris, der auch meinen Dries-Film sehr mochte, bereitete gerade eine Ausstellung mit Martin vor. Ich bat ihn eine E-Mail an Martin weiterzuleiten. Das hat er auch gemacht, aber da kam natürlich überhaupt keine Antwort… Ich habe es dann noch über eines seiner ehemaligen Models versucht und über eine Einkäuferin aus Mailand. Etwa drei Monate nach meiner ersten Mail kam endlich eine Antwort: „Ich habe gehört sie wollen einen Film über mich machen, wir können uns mal treffen“. Ich habe mich natürlich gefreut und war auch etwas aufgeregt – entweder es klappt jetzt oder nicht.

 

Wir haben uns in einem Arbeitsraum des Museum Galleria in Paris getroffen. Ich wusste natürlich überhaupt nicht, wie er aussieht. Drei Menschen waren in dem Raum: eine Frau, ein kleiner Mann, aber der große, schlanke war es dann. Es war ein sehr angenehmes Gespräch. Martin ist sehr höflich und freundlich. Aber es hat sich schnell herausgestellt, dass er gar kein Portrait über ihn will… er dachte eher, anlässlich der Ausstellung sei es doch eine einmalige Gelegenheit, all diese Outfits zu filmen. Ich habe mich am Anfang erst mal auf alles eingelassen und gehofft, dass er während der Arbeit mehr Vertrauen zu mir aufbaut.

Wie hat es sich angefühlt „die“ Martin Margiela Dokumentation zu machen? 

Ich habe natürlich immer den Druck gespürt, dass das Ganze auch scheitern kann. Er hatte ja nicht diesen Film ersucht, und er ist so kompromisslos – ich meine, er hat Hermés verlassen, obwohl es ihm dort so gut ging. Er hat sogar sein eigenes Label verlassen – und er hätte auch diesen Film jederzeit abbrechen können. Ich war schon froh, als wir das Ganze fertig gedreht hatten.
Und: dieser Film musste gut werden, weil es der einzige ist, in dem er überhaupt selber spricht – das war mein eigener Anspruch.

Hat er die Dokumentation gesehen? 

Ja, er kam zum Rohschnitt nach München. Vorher musste er sich 4 Monate gedulden – das war wohl eine schwere Zeit für ihn. Er sollte sich dann erst einmal alles anschauen- Er saß brav vor dem Fernseher, zwei Stunden lang ohne etwas zu sagen. Am Ende hatte ich Herzklopfen. Aber er hat mich einfach nur umarmt, was nicht so eine typische Geste für ihn ist. Er war sehr gerührt. Ich natürlich auch!
Aber Martin hat immer zwei Seiten. Und die zweite war die, dass er den Film noch einmal geschaut hat, diesmal mit Anhalten und Notizen machen. Ich glaube, er hat mir 130 Anmerkungen überreicht, die ich aber nicht alle geändert habe. Nur wenn es um Outfits ging, z.B. welcher Look in seiner ersten Show wichtiger war. Martin ist ein Perfektionist, dem immer noch etwas Neues einfällt. Ich glaube, am Ende hätte er doch am liebsten alle seine Shows im Film gezeigt.

Gab es für sie einen Lieblings-/Schlüsselmoment in der Zusammenarbeit mit Martin Margiela? 

Das Problem war ja, Martin zum Reden zu bringen. Und zwar so, dass die Rede am Ende auch so im Film bleibt. Er war da sehr skeptisch, von Anfang an. Er meinte er mag seine Stimme nicht, es sei ihm unangenehm, sie zu hören. Und er möchte den Film ja genießen können. Ich habe ihn überzeugt, diese Diskussion nach hinten zu schieben. Wir haben angefangen zu drehen, bei ihm im Studio, und das erste war die Geschichte über seine Großmutter. Ich glaube, er hatte die Nacht davor kaum geschlafen. Er hatte einen Text vorbereitet und war der Meinung, es sei einfacher für ihn, den vorzulesen. Ich habe ihn da nicht unter Druck gesetzt. Das haben wir zwei, drei mal gemacht, aber es klang zu gelesen. Ich habe ihm dann vorgeschlagen, morgens zu aller erst das Mikrofon anzuschalten. Denn immer wenn ich morgens bei ihm angekommen bin, hat er mir erzählt, über was er heute alles sprechen will. Ganz frei, natürlich und voller Selbstbewusstsein. Und da gab es einen Moment, ich weiß es noch ganz genau, als er über die japanischen Designer sprach. Plötzlich, hörte ich in meinen Kopfhörern, hatte er die volle Kraft seiner Stimme gewonnen. Da dachte ich, jetzt kann es nur noch gut werden.

Dries und Martin, zwei flämische Designer… gibt es noch weitere Gemeinsamkeiten? 

Was sie beide gemeinsam haben, das würde ich eher auf der Tugend-Ebene beschreiben. Es ist ihr Fleiß – die arbeiten beide wie die Wahnsinnigen. Natürlich ist Martin aktuell nicht mehr im Geschäft und lebt einen ganz eigenen Arbeitsrythmus. Aber was er mir über seine Arbeit früher erzählt hat, da konnte man erahnen, dass er sich nichts geschenkt hat. Und bei Dries habe ich es hautnah miterlebt. Ein Jahr lang habe ich ihn begleitet, während der Entstehung von 4 Kollektionen. Er hat sich in der Zeit gerade mal 5 Tage Urlaub genommen, aber sein Kopf hat auch da immer noch weitergearbeitet.

Dann haben beide natürlich diesen Hintergrund, diese Schule, die Akademie in Antwerpen. Beide haben dort ihr Handwerk gelernt, nicht nur Modegeschichte, sondern auch mit der Nähmaschine umzugehen. Martin hat oft betont, wie wichtig das für ihn war. Und das kann man auch erkennen, wenn man seine Hände im Film beobachtet. Die Perfektion, jeder Handgriff sitzt ganz genau.

In einer Zeit nach Covid19, wird es Dokumentationen über die Mode dieser Zeit geben? 

Ich habe mich natürlich auch gefragt, ob man jetzt aktuell etwas zu dieser Zeit machen muss, aber am Ende soll der Film ja auch vom Publikum gesehen werden und da bin ich skeptisch, ob es passieren wird. Ich denke, es sind alle froh, wenn die Corona-Krise vorbei ist und ich bin mir nicht sicher, ob man danach noch einen Film darüber sehen will. Zeiten wie diese geben aber einen Impuls für etwas Neues. Auch in der Mode sagen ja viele, dass es so nicht mehr weitergehen konnte. Für 12 Minuten wurde da eine Kulisse aufgebaut und hinterher wieder auf den Müll geworfen – Was für eine Verschwendung! Ein Wahnsinn, der so natürlich nicht mehr tragbar war. Da wird es neue Ideen geben und Einzelne werden sich durchsetzen. Aber über diesen erzwungenen Einschnitt etwas zu drehen, ich glaube, das will am Ende keiner mehr sehen.

 

Wenn sie kein Dokumentarfilm-Regisseur geworden wären, was dann? 

Haha… Gute Frage. Dokumentarfilm-Produzent!
Ich liebe meinen Beruf sehr. Ich bekomme ja Einblicke in Welten, die den meisten Menschen verborgen sind. Das ist ein endloser Schatz… da sehe ich keine Alternative.

Was der Dries Film mir gezeigt hat:
Das Ziel ist es ja, den Einblick, den ich exklusiv bekommen habe, dem Betrachter des Films zu vermitteln und dass die Menschen, die den Film sehen, auch diese Intimität spüren. Wir hatten eine Vorführung in Antwerpen und Dries war dabei. Er hatte Freunde eingeladen und Leute aus seiner Branche. Nach dem Film kam eine junge Frau zu mir und sagte, sie fand den Film ganz toll, aber sie musste dreimal die Augen schließen. Ich dachte dann schon „Hat die Handkamera vielleicht zu sehr gewackelt oder was…?“ Und sie sagte, dass sie sich vergegenwärtigen musste, dass sie nicht da drin ist, in der Welt von Dries. Weil der Film es ihr ermöglichte, so nah dabei zu sein. Das ist das schönste Kompliment, das mir jemand machen konnte.

Was kommt nun nach Martin Margiela? 

Ich würde gerne einen dritten Mode Film machen, wieder ein Portrait… Aber im Moment ist nicht die richtige Zeit dafür. Durch die aktuelle Krise haben die Designer zu viele Probleme. Es ist ja so schon schwer mit der Kamera auf die Leute zuzugehen – die Designer sind meist sehr beschäftigt und auch eher scheu. Dries hat mir immer gesagt: Man präsentiert erst, wenn es perfekt ist. Aber wir Filmer wollen ja immer den Entstehungsprozess sehen und das erfordert Mut. Dafür bin ich Dries bis heute dankbar – und Martin natürlich genauso.
Ich glaube, da muss ich jetzt erst mal etwas Geduld haben.

Wir sind aber mit Axel Vervoordt im Gespräch. Er ist Kunstsammler, Antiquitätenhändler, Interiordesigner, hat für Robert de Niro ein Penthouse in New York eingerichtet und für Kanye West das neue Haus in Los Angeles. Ein wahnsinnig interessanter Mann mit einer spannenden Philosophie über das Einrichten. Ihn würde ich gerne portraitieren. Wann und wie kann ich noch nicht sagen, denn dafür müssen wir in die USA reisen und das ist ja gerade gar nicht möglich.

 

Meine letzte Frage: Welches Kleidungsstück haben Sie von Martin Margiela im Kleiderschrank? 

Ich habe gar keins, kein einziges.
Obwohl… während der Dreharbeiten ist am Stützsystem meiner Kamera der Gürtel kaputt gegangen. Da hat Martin mir ganz schnell und wahnsinnig fingerfertig einen Strick hin gemacht, in weiß natürlich.

CREDITS

Kinostart: 15.10.2020

Martin Margiela – Mythos der Mode
Regie: Reiner Holzemer
mit Jean Paul Gaultier, Carine Roitfeld, Lidewij Edelkoort
Bilder und Video via www.filmweltverleih.de
Interview: Simon Riepe

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