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Vor ihrer Ankunft in Hamburg steckte die fantasievolle Kollektion von Designerin und Künstlerin Beate Karlsson vier Monate lang auf einem Schiff von Amerika nach Schweden – ihrem Heimatland – fest. Es grenzt an ein kleines Wunder, dass sie gerade noch rechtzeitig für das letzte Shooting dieser Ausgabe in unserer Redaktion ankam. Schnell ab damit auf die Rutsche, fertig, los: Es folgt eine Puppen-Performance par excellence!

TUSH Du sagst, all deine Kreationen seien für dich komplexe Charaktere mit Herz und Seele – nennst sie sogar deine Babys.
Was wäre passiert, wenn sie nicht von der Seereise zurückgekehrt wären?

Beate Karlsson Haaa! Das wäre schrecklich gewesen, ein Alptraum! Meine Beziehung zu ihnen ist eine Art Hassliebe. Die Stücke sind für gewöhnlich sehr groß und schwer und deshalb nicht leicht zu lagern. Manchmal möchte ich sie einfach rausschmeißen, aber gleichzeitig liebe ich sie alle auf eine sehr besondere Art und Weise.

Was ist für dich der wichtigste Part beim Entstehungsprozess deiner Designs?
Ich glaube, es ist die Phase, in der ich die Idee für die Form entwickle. Denn die dabei entstehende Neugier und Aufregung motivieren mich während der gesamten Herstellung. Anscheinend liebst du das Spiel mit Proportionen und Pastelltönen.

Was reizt dich daran?
Mein größter Ansporn ist es, unkonventionelle Formen zu verwirklichen. Die Manipulation von Proportionen spielt dabei eine wichtige Rolle! Pastellfarben, aber auch leuchtende Töne faszinieren mich schon seit meiner Kindheit.

Ich habe gelesen, du versuchst mit deinen Entwürfen ein Gefühl auszulösen, das du als Kind empfandest, wenn du etwas Neues entdeckt hast.

Am Anfang eines jeden Arbeitsprozesses zeichne ich Formen, die sich einzigartig und neu anfühlen. Sowie ich merke, dass sie zu offensichtlich werden, verwerfe ich die Idee. Für mich ist das die beste Methode, die Dinge interessant zu halten.

Du bist 1995 in Stockholm geboren. Wie war deine Kindheit und was ist deine schönste Erinnerung?

Ich hatte eine großartige Kindheit. Das mag daran liegen, dass ich dazu tendiere, mich im Nachhinein nur an die guten Dinge zu erinnern. Ich denke, als Kind fällt es dir leichter, du selbst zu sein, weil du ja nur das kennst. Zu meinen liebsten Erinnerungen
zählen meine kleinen Expeditionen in die Wälder, wo ich Hütten gebaut habe.

2017 hast du dein Modedesignstudium mit dem Bachelor an der University of the Arts in London beendet. Wie wichtig war das Studium für dich?

Obwohl ich an der Parsons School of Design in New York und am Central Saint Martins College in London studiert habe, möchte ich diesen Institutionen kein zu großes Gewicht beimessen, und zwar aus mehreren Gründen:
Erstens bin ich mir gar nicht sicher, inwiefern beide Schulen überhaupt positiven Einfluss auf meine Arbeit hatten. Außerdem sind sie höllisch teuer! Zweifellos gab es ein paar Professor*innen, die mir geholfen haben, mich als Designerin zu finden. Unterm Strich glaube ich, das Entscheidende, was dir Schulen – egal welche – geben, ist Zeit, um dich zu fokussieren und die eigene „nerdige“ Leidenschaft zu erkunden.

Deine Accessoires und Schuhe sind meistens aus Silikon gefertigt. Was fasziniert dich an diesem Material?

Silikon ist sehr schwer und deshalb eigentlich nicht besonders tragbar. Ich habe es schon immer geliebt, mit Knetmasse zu modellieren. Aber da Silikon viel langlebiger und elastischer ist, eignet es sich bestens, um besonders komplexe Figuren zu gestalten. Es ist zum Beispiel perfekt für die Fertigung skulpturaler Schuhe, die dann immerhin halbwegs tragbar sind.

Woher holst du die Inspirationen für deine Werke?

Ich stelle mir eine Art Universum vor, in dem meine Stücke leben. Es ist ein Ort, der in den letzten Jahren gereift ist und der stark durch meine Leidenschaft für Knetmasse inspiriert ist. Ich liebe Knetanimationen und das Modellieren mit diesem Werkstoff. Ich halte es für das dankbarste Material, mit dem ein Designer arbeiten kann. Hauptsächlich deshalb, weil es dir keine Grenzen in Bezug auf die Form und Silhouetten setzt. Ich kann durch alles inspiriert werden. Für gewöhnlich sind es Visionen aus meinem Unterbewusstsein, die sich aus allem, was mir visuell begegnet, zusammensetzen.

Neben deiner eigenen Marke arbeitest du als Designerin für das 2013 in New York gegründete Label Pyer Moss. Wie steht’s um deine Work-Life-Balance?

Ich arbeite viel und bin nicht gut darin, den nötigen Ausgleich zu schaffen. Aber ich versuche, andere Dinge in mein Leben zu integrieren, die mich in meinem Arbeitskosmos „stören“. Ich habe seit Neuestem einen Kater – Larry –, er lenkt mich auf lustige Art in meinem Workflow ab.

Muss sich deiner Meinung nach etwas in der Fashion- Industrie ändern?

Auf jeden Fall! Ich denke, am dringendsten gilt es, die mangelnde Nachhaltigkeit und Gleichstellung zu beheben. Wir sind bereits auf dem richtigen Weg, kommen aber nur langsam voran.

Du lebst in Stockholm und seit 2014 auch in New York. Was sind deine Eindrücke vom Big Apple?

Meine sechs Jahre in New York sind in vielerlei Hinsicht die beste Zeit meines Lebens. Ich liebe die Klischees dieser Stadt. Grundsätzlich hat man die Möglichkeit, zu jeder Tageszeit das tun zu können, was man möchte. Andererseits ist es sehr belastend für die Nerven, und einem Workaholic kann das auch schon mal zu viel werden.

Hast du Angst vor dem, was kommt?

Nein, ich blicke optimistisch in die Zukunft.

Wie sehen deine nächsten Projekte aus?

Aktuell arbeite ich an einer neuen Accessoires- Linie für Pyer Moss, die mich sehr begeistert. Außerdem habe ich meine erste komplette Kollektion für die italienische Marke Avavav entworfen. Ich bin sehr froh, dass mir beide Brands solch eine kreative Freiheit ermöglichen. Von mir wird es demnächst neue Avantgarde-Stücke zu sehen geben!

Du bist eine erfolgreiche weibliche Künstlerin. Hast du eine Botschaft, die du verbreiten möchtest?

Hm, vielleicht: Trau dich, ein Nerd zu sein!

Foto ARMIN MORBACH
Konzept, Interview & Styling KATRIN GERHARDY
Puppenkopf (Entwurf & Realisation) ELISA ZARNIKO
Alle Outfits, Accessoires und Schuhe BEATE KARLSSON
Model OLIWIA / M4 Modelmanagement
Digital Operator JAN GEHRKE
Styling-Assistenz  Simon Riepe
Bildbearbeitung SEBASTIAN REUTER
FotoAssistenz ALEX CRADDOCK, ARIEL OSCAR GREITH

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