VERFLOCHTEN

KNOTEN IM HAAR UND NICHT IM HERZEN, FINDET FATIMA NJOYA UND KNÜPFT SICH EMOTIONALE WIRRUNGEN VOR

Tröstend. Schmerzhaft. Verräterisch. Sinnlich. Kraftspendend. Schützend. Schmückend. Heilend. Alle diese Wörter kommen zusammen, wenn wir uns der Geschichte der Haare widmen. An uns gewachsen und untrennbar mit den persönlichen Erlebnissen jedes Einzelnen verknüpft, sind sie wie Zeugen der Leben, die wir führen. Würde man sie bitten, von ihren Erfahrungen zu berichten, könnten wir wohl gesammelte Bände veröffentlichen. Vor allem wenn es um die Geschichte der afroamerika- nischen und afrikanischen Kultur geht, sind Haare die perfekte Allegorie, um sich den aufwühlenden Ereignissen auf einer kunstvollen und nicht minder emotionalen Ebene zu nähern.

Seit Anbeginn der Zeit begeben sich also Menschen auf eine Reise, erzählen in Heldensagen und -liedern von verlorenen Schlachten, Erfolgen und der Suche nach sich selbst. Und was sie dabei auf den Köpfen tragen, trägt sich weiter. Verwurzelt in jeder einzelnen Strähne erzählen die Strophen von dem, was vor allem afrodiasporische Menschen über Generationen hinaus miteinander verbindet: die Haare und insbesondere das Ritual des Haare- machens. Oder genauer: von der Resilienz sowie der Macht, sich aufs Neue selbst zu generieren und über sich hinauszuwachsen.

„Die Haare einer Frau sind die Krone ihres Wesens und die Manifestation ihrer Weiblichkeit“, schreibt die Autorin Tiffany Thomas in ihrer Publikation „,Hair‘ they are“ (2013) und führt im Folgenden eine Hierarchie ein, deren Superlativ das europäische Haar ist, vor dessen Glanz alle anderen Strukturen nur minderwertig erscheinen. Infolgedessen wird nicht nur suggeriert, dass glattes Haar am attraktivsten, sondern auch am professionellsten ist, was dazu führt, dass viele der traditionellen Hairstyles wie Braids oder Dreads als ungepflegt und/oder im beruflichen Kontext als unangemessen angesehen werden, führt Thomas weiter aus. Dieses Clusterdenken ist dabei eine weitere Verirrung, die dazu beiträgt, dass Haare eben nicht einfach nur ein schmückendes Element an unserem Körper sind, sondern ihnen ein eigenes Kapitel in der Aufarbeitung von Ungleichheiten zustehen sollte.

Haare sind natürlich Indikator und Spiegel von den Ereignissen, die uns bewegen und die wir erfahren. Eine Tatsache, die auch wissenschaftlich untermauert werden konnte, denn es besteht unzweifelhaft ein Zusammenhang zwischen emotionalem Stress durch Trauma-Exposition und dem Verlust der Haare.

Aber zurück zu Gedanken, die durch subtiles Wiederholen kommuniziert werden, sich in den Köpfen verankern und sich auf verschiedenen Ebenen auswirken. Laut dem Autor und Forscher Toks Dele Oyedemi nennt man diese Art der visuellen Kommunikation „kulturelle Gewalt“. Durch die konstante Repräsentation eines bestimmten Schönheitsideals findet so eine unterbewusste Internalisierung statt, die dazu führt, dass viele schwarze Menschen sich von der natürlichen Form ihrer Haare entfremdet haben. Denn wer nicht gesehen wird und stattfindet, versucht über die Veränderung des Äußeren ein Teil der Mehrheit zu werden. Und die Haare bieten sich dafür als einfaches Mittel an.

Durch gezielte Konditionierung, deren Anfänge bis in die Zeiten der großen Kaiserreiche zurück- reichen, wurde ein Bild erschaffen, das die heilsame Routine bänderschmiedender Riten der afrodiasporischen Community in einen Kraftakt verwandelte. In eine stille Revolution, in der Hairstyles Geschichten erzählten. Nachrichten versteckten. Leben retteten. Indem sie unter anderem als Versteck für Nahrung bei der Überquerung des Ozeans dienten.

Heute nennen wir sie beim Namen, ohne uns über ihre Vielschichtigkeit bewusst zu sein: Bantu Knots. Cornrows. Box Braids. Twists. Locs. Dread- locs. Weaves. „Bei der Auseinandersetzung mit der eigenen Haarpracht geht es für jeden Menschen um etwas anderes, […] mit der essenziellen Frage, welche Teile von uns selbst und unserer Identität wir bereit sind zu opfern oder an welchen wir festhalten – damit sie uns Stärke verleihen, um zu unseren Wurzeln zu finden“, so Psychologin Dr. Gillian Scott-Ward in einem Interview zu ihrem Dokumentarfilm „Back to Natural“

(2019). In ihrem Werk gibt sie einen umfassenden Einblick in das generationsübergreifende Trauma und die Widerstandsfähigkeit sowie Wege der Heilung von Menschen der afrikanischen Diaspora, bei der es am Ende immer um Assimilation oder sogenanntes „Code-Switching“ gehe. „Für viele bedeutet das nicht weniger als die Ablehnung der eigenen Identität, der Kultur, Religion und sogar des eigenen Körpers. Eben all der Überzeugungen und Verhaltensweisen, die als eine schützende Instanz in der Familie weitergegeben wurden.“

Packt man sie mit diesem Wissen bei der Wurzel, sind Haare so mehrdimensional wie ihre Bedeutungsebenen. Aufgebaut aus drei Schichten, die Elastizität und Charakter bestimmen. Als einzelne Strähnen setzen sie sich aus einem eng verflochtenen Zellkörper zusammen, der mit seiner tannenzapfen- ähnlichen Schuppenstruktur einen Schutzfilm bildet. Je fester er zusammenhält und sich an die anderen Teile anlehnt, desto glanzvoller wirkt er. Eine schöne Metapher, die sich auch auf den Zusammenhalt innerhalb von Kulturen und Familien übertragen lässt. Denn eine Community ist nur so stark wie jeder:jede Einzelne, definiert sich über gemeinsame Erlebnisse und Verhältnisse, die angeboren oder übertragen werden können. Und wie ihre Haare haben auch Menschen Wurzeln, die sie an einem bestimmten Ort halten. Daher ist es kaum verwunderlich, dass sie in ihrer schmückenden Funktion die Träume und Erlebnisse ihrer Besitzer:innen in sich tragen – mehr noch, laut Dr. Gillian Scott-Ward, „der Schlüssel zur eigenen Identität“ sind. Eine kulturelle Routine, die Tradition, Optik und Ideologie eng miteinander verflochten hat.

Sukzessive politisiert sind Afrohaare also immer eine Art von Widerstand. Allgemein. Persönlich. Allumfassend. Stehen gleichermaßen für Sinnlichkeit und Erotik. Kraft und Lebendigkeit. Doch wie können sie bei dieser untragbaren Last nicht brechen oder kapitulieren?

Die Prozedur der strukturellen Veränderungen ist eine Erfahrung, die Tonya Lewis, Ehefrau von Spike Lee, in einem Interview so beschrieb: „Meine Mutter glättete meine Haare, während ich nur weinte, und danach sagte sie zu mir: ,Schau, wie schön deine Haare aussehen.‘“ Relaxed, wie man diese Art von chemischer Glättung in der schwarzen Community nennt. Mithilfe von Ammoniumthioglycolat oder Formaldehyd wird das vermeintliche Übel an den Wurzeln gepackt und bis zur Unkenntlichkeit transformiert: in ungekräuseltes, wellenloses Haar. Eine Trophäe. Denn glänzendes, glattes, prachtvolles Haar gilt als ein Synonym für Jugend und steht bei Frauen für Sinnlichkeit, Erotik und ganz allgemein für Lebendigkeit. Dank Hilfsmitteln wie Madam C.J. Walker’s „Wonderful Hairgrower“ oder dem „Ultra Sheen Relaxer“ von Johnsons Products Company kann jeder:jede seit Anfang des 19. Jahrhunderts sein Narrativ kontrollieren. Denn Haare sind verräterisch und erzählen nonverbal von den Lebensumständen ihrer Träger:innen. Um es in den Worten der multidisziplinären Designerin Jasmin Curtis zu sagen, die 2020/2021 eine Publikation über „Schwarze Haarkultur und traditionelle visuelle Sprache“ schrieb: „Die komplizierte und komplexe Beziehung rund um Black Hair ist eine Reaktion auf die Unterdrückung durch aufgezwungene eurozentrische Schönheitsideale, deren Präsenz bis heute noch in der Psyche vieler Schwarzer Menschen verankert ist.“

„Heavy is the head that wears a crown“, singt der britische Rapper Stormzy in seinem Song Crown (2019), der von den Kämpfen seiner Brüder und Schwestern erzählt: der schwarzen Community. Gekrönt von ihren Frisuren. Damals, heute und vielleicht bis in alle Ewigkeit. Und egal wie unterschiedlich die Lebensrealitäten sind, in denen man sich befindet, diese Erfahrungen verbinden. Über Grenzen, Generationen, Epochen. Denn auch wenn wir vergessen, Haare erzählen ihre Geschichten. All denen, die sie anblicken, ganz egal, ob ihnen Gehör und Verständnis entgegengebracht werden.

 

Wir haben mit drei afrodiasporischen Frauen gesprochen, die tagtäglich mit Haaren arbeiten und aus ihrer persönlichen Perspektive das Zusammenspiel aus Kunstform, Tradition und (Familien-)Geschichte beleuchten. Sie erzählen von ihrer individuellen Hair-Journey, die sie über (an)gelernte „Disconnection“ zum Prozess von „Awakening“ und schließlich einem Gefühl von „Healing“ geführt hat.

1

Fatima M. York (52), Curly Hair Specialist, Artist, Activist und Educator aus New York
@ faahthecurlyhairartist

DISCONNECTION

Ich komme aus einer Familie, die sehr bioholistisch lebt, und meine Eltern waren sehr strikt in Bezug auf die Dinge, mit denen wir uns umgeben, die wir essen und die wir an unseren Körper lassen. Daher war es uns nicht erlaubt, die Haare mit chemischer Hilfe zu glätten. Wir wurden muslimisch erzogen, beteten und lebten in unserer Community abseits der Außenwelt. Und natürlich habe ich mich von meinen Haaren überfordert gefühlt. Lange Zeit war ich von ihnen traumatisiert und habe es gehasst, mit ihnen eine Last für andere zu sein. Mir wurde konstant signalisiert, dass sie schwierig zu bändigen und aufwendig zu frisieren sind. Sobald ich alt genug war, um allein zu leben, verließ ich die Kommune und kam in Kontakt mit der Magie der Beauty-Industrie. Damals fing ich auch an, meine Haare zu relaxen, verbrannte meine Kopfhaut und bekam Narben überall; es war verrückt – das alles aus Bequemlichkeit und Komfort? Das war 1992, als ich begann, Kosmetologie zu studieren. Doch mit der Zeit entwickelte ich Allergien durch die Chemikalien, denen ich konstant ausgesetzt war. Hinzu kam, dass ich dieses Image, was ich verkörperte, nicht mehr vertreten konnte. Also startete ich 1998 meinen Werdegang zum Curly Hair Artist und bin damit eine von wenigen Menschen, die sich seit so langer Zeit schon mit Naturlocken auseinandersetzt.

AWAKENING

Während meiner Ausbildung wurde gelehrt, dass Haare tot sind. Das mag vielleicht aus der Sicht der puren Physiologie stimmen, doch betrachtet man es von einer spirituellen Perspektive, dann kann ich diesem Gedanken nur widersprechen. Ich glaube daran, dass alles lebt und jedes einzelne Atom eine bestimmte Frequenz hat. So auch unsere Haare, die so unglaublich resilient sind. Obgleich sie so viel mit sich machen lassen, sich verbiegen und in die Länge gezerrt werden, bleiben sie gesund und am Leben. Doch sobald wir nicht auf sie aufpassen, sie nicht pflegen oder misshandeln, brechen sie und verhalten sich dementsprechend feindselig. Ganz generell korrespondieren Haare immer mit uns. Auf dem einen oder anderen Weg. Haare erzählen schon immer Geschichten, das liegt in ihrer Historie verborgen – aus einer Zeit, als schwarze Frauen Landkarten in Form von kunstvollen Mustern kreiert haben, um Freiheit zu finden. Sich gegenseitig die Haare zu machen, ist schon immer ein fester Bestandteil von vielen Communitys gewesen. Frauen, Kinder, Mütter und Töchter kommen zusammen und besprechen wichtige Dinge miteinander, tauschen sich aus und geben Lebenserfahrungen weiter. Unsere Haare verbinden vor allem uns selbst mit einem der wichtigsten Körperteile: dem Kopf. Er ist das Zentrum des Körpers – der Teil, mit dem wir denken, erschaffen, träumen und uns offenbaren. Der Teil, der am meisten gelitten hat – nach den Geschlechtsorganen der Frau –, und das macht mich nachdenklich. Wieso wurden chemische Prozeduren und Mittel hergestellt, die unsere Häupter und das sie krönende Haar verletzen?

HEALING

Persönlich mag ich es, meine Haare zu rasieren oder Locs zu tragen – es betont mein Gesicht und ist praktisch. Ich wertschätze die Freiheit, die es mir gibt. Doch in unserer Gesellschaft herrscht der Konsens, dass wir lange Haare haben müssen. Etwas, das viele Menschen enorm unter Druck setzt, die sich konstant von einem bestimmten Ideal in den Medien umgeben sehen. Ganz abgesehen von dem „Kolorismus“, der auch innerhalb der Curly Hair Industry herrscht: Wieso werden Darked Skinned Woman immer mit kurzen, burschikosen Schnitten gezeigt? Das scheint redundant und ist einer der Gründe, wieso ich jeden Tag aufs Neue diese Vielzahl an Hairstyles kreiere. Nur so kann die Welt erkennen, was mit unseren Haaren alles möglich ist, und ich bin mehr als glücklich darüber, wie weit wir gekommen sind. Für mich ist es vor allem eine Art des Erwachens, bei dem wir mit unserem gesamten Körper in Verbindung treten. So viele Menschen wissen gar nicht, wie ihre echte Lockenstruktur aussieht, weil sie keinen Bezug zu diesem Teil ihres Daseins haben und ihnen gesagt wurde, dass etwas damit nicht stimmt. Bevor ich also jemanden frisiere, erfrage ich jedes einzelne Detail über die persönliche Routine. Ich gebe Ratschläge und gebe mein Wissen über die Pflege weiter. Von dem Moment an, wo jemand in meinem Stuhl sitzt, ist es eine fast therapeutische Sitzung, die bis zu dem Augenblick andauert, bis die Tür ins Schloss fällt. Diesen Prozess der Verwandlung zu beobachten, ist für mich eine absolute Erfüllung.

2

Sainabou Chune (32), Hairstylist aus Schweden, Finnland und Gambia
@sainachune

DISCONNECTION

Früher, als ich meine Großeltern in Limika (Finnland) besucht habe, war es eine Art Ritual zu saunieren. Während wir dort saßen, begann meine Großmutter jedes Mal, meine Locken mit Deep Conditioner zu entwirren, was sie schön und definiert aussehen ließ. Ich glaube, damals habe ich verstanden, wie wandelbar meine Haare sein können. Doch zeitgleich hatte ich schon früh das Gefühl, mit ihnen überfordert zu sein. Dass es meiner weißen Mutter ebenso ging, verstärkte diese Ahnung nur und sorgte nicht dafür, dass die Beziehung zu meinen Locken einfacher wurde. Natürlich hat sie mit dem Wissen, das sie hatte, ihr Bestes versucht, aber genau das war vermutlich der ausschlaggebende Grund, warum ich anfing, mich so sehr für meine Haare zu interessieren. Mit meiner Ausbildung begann ich auch an mir selbst mit Farben und Haarschnitten zu experimentieren, aber meine Locken blieben weiterhin geglättet. Erst mit 24 habe ich meine natürliche Haarstruktur wiederentdeckt und aufgehört, sie den chemischen Behandlungen zu unterziehen. Ausschlaggebend dafür war die Geburt meiner ersten Tochter und das damit einhergehende Versprechen, meine Haare niemals wieder auf diese Weise künstlich zu verändern. Denn ich möchte, dass sie ihre Locken so liebt, wie sie wachsen – natürlich von der Wurzel bis in die Spitzen.

AWAKENING

Mit 15 machte ich mein erstes Praktikum in einem Hairshop. Dort arbeitete eine senegalesische Frau namens Seynabo, die mir verschiedene Techniken beigebracht hat und mir unterschiedliche Arten zeigte, wie sich Haare flechten lassen. Währenddessen stand sie neben mir mit einer Uhr und stoppte die Zeit, die ich damit verbracht habe, kontinuierlich eine Strähne mit der anderen zu verflechten. So gut wie jeder:jede hat eine emotionale Verbindung zu den eigenen Haaren. Das kann sowohl negativ als auch positiv sein. Für mich sind sie ein Weg, sich auszudrücken. Eine eigene Kultur mit Geschichte, und genau deswegen sind sie immer mit Emotionen verknüpft. Das geht weit zurück bis zur Geschichte der Sklaverei und spielt auch heutzutage eine Rolle: bei Bewegungen wie „Black Lives Matter“. Zwar ist afrodiasporisches Haar mittlerweile mehr in unserer Gesellschaft angekommen, aber wir haben noch einen langen Weg vor uns, denn in vielen Ländern wird es immer noch als nicht schön betrachtet. Wenn Leute zu Vorstellungsgesprächen gehen, fühlen sie sich deswegen unwohl, haben weniger Chancen, eine Position zu bekommen, oder erhalten Absagen – alles nur, weil ihr Hairstyle als ungepflegt angesehen wird. Da existiert diese Doppelmoral: Wenn Kim Kardashian oder jemand anderes zum Beispiel Cornrows trägt, dann ist es ein cooler Trend, während es bei schwarzen Personen in bestimmten Kontexten als weniger gesellschaftlich akzeptiert gilt. Das ist ein sehr komplexes Thema, über das sich nicht einfach sprechen lässt. Doch jedes Mal wenn wir untereinander darüber sprechen, schafft es eine Verbindung. Daher sind Gespräche mit anderen schwarzen Menschen einer der besten Wege, um zu reflektieren und zu lernen. Vor allem zu verstehen, dass das gesammelte Erfahrungen sind, die uns als Community näher zusammenbringen.

HEALING

Wenn ich einer anderen Person die Haare mache, versuche ich so viel wie möglich herauszufinden, um darauf basierend eine Vorgehensweise zu entwickeln, wie der Hairstyle umgesetzt werden kann. Braiding ist eine Art Kunst, die Handarbeit an sich ist schon eine Kunstform – wie das Haar geteilt und geflochten wird mit verschiedenen Techniken und Stilen, aus denen unterschiedliche Muster entstehen. Es ist jedes Mal aufs Neue ein Abenteuer. Vor allem wenn der Look nicht im Vorfeld geplant ist, kann dich der reine Akt auf so viele verschiedene Ebenen führen. Meine Faszination für die Arbeit mit Haaren konzentriert sich auf die Transformation – selbst als ich noch in einem Salon gearbeitet habe. Der Prozess und das Ergebnis, die Gefühle, die du in einer anderen Person auslösen kannst, sind ein so zufriedenstellendes und erfüllendes Gefühl für mich. Bei Produktionen arbeiten wir als Team und erschaffen etwas gemeinsam. Was wieder darauf zurückführt, dass Haaremachen etwas für die Community ist.

3

Maeva Heim (32), CEO und Gründerin Bread Beauty Supply aus Australien
und Elfenbeinküste
@ breadbeautysupply

AWAKENING

Die Beautyindustrie war schon immer ein Teil meiner Herkunft, sei es, dass meine Großmutter die Seifenmacherin des Dorfes war oder meine Tanten von der Elfenbeinküste immer viel Zeit damit verbracht haben, mir meine Haare und mein Make-up zu machen. Diese Erfahrungen haben mich stark beeinflusst. Doch wenn es um meine Haare geht, gibt es niemanden, dem ich mehr vertraue als meiner Mutter. Obwohl ich sie in meiner Kindheit immer relaxed haben wollte oder mit Weaves, hat sie mich fortwährend liebevoll ermutigt, sie natürlich und offen zu tragen. Als Teenager war ich natürlich vehement dagegen, aber rückblickend bin ich unglaublich froh, dass sie mich bei allem unterstützt hat, was ich mit meinen Haaren gemacht habe. Denn so habe ich gelernt, sie in all ihren Facetten und Formen zu lieben. Egal ob das hüftlange, dünne Microbraids waren, die ganze vier Tage zum Flechten gebraucht haben, oder eine blondierte Haarverlängerung. Eine der wichtigsten Erkenntnisse, die ich daraus gewonnen habe, ist, dass Haare eine Doppeldeutigkeit in sich tragen. Sie sind eine Form von Selbstausdruck und in dem Sinn sehr wichtig, aber sie definieren nicht den eigenen Charakter, in dem Bezug sind sie völlig irrelevant. Das ständige Verändern meiner Haare hat nicht verändert, wer ich bin.

DISCONNECTION

Als Teenager ist das anders, da dreht sich alles darum dazuzugehören. Also habe ich meine Haare auf so viele Arten und Weisen versteckt, denn inmitten des australischen Ideals von „Beach Blond“ und „Laidback Effortlessness“ aufzuwachsen, war für mich nicht einfach – ich hatte nie das Gefühl, in dieses Bild zu passen. Mit ungefähr sieben Jahren habe ich angefangen, meine Haare zu relaxen und in Kombina- tion mit glatten Extensions zu tragen. Wenn ich nicht gerade Haarverlängerungen hatte, dann waren sie geflochten – nie natürlich oder nur geglättet. Ich erinnere mich an diesen einen Moment, als ich sie ohne Extensions zur Highschool tragen musste. Ich habe mich so geschämt, dass ich zur Krankenschwester gegangen bin und mich krankgemeldet habe, in der Hoffnung, sie würde meine Mutter anrufen, dass sie mich abholen kommt. Meine Verzweiflung ging damals sogar so weit, dass es für mich außer Frage stand, jemals woanders wohnen zu können als in Perth. Denn dann hätte ich mich zwangsläufig mit meinen Haaren auseinandersetzen müssen, da meine Mutter nicht mehr vor Ort wäre, um sie zu frisieren. Abgesehen davon würde ich nie jemand anderen finden, der sie mir machen könnte. Ich war also gewillt, mein Leben von der Angst diktieren zu lassen, woanders möglicherweise keinen Relaxer oder Weaver finden zu können.

HEALING

Es wäre also gelogen zu sagen, meine Hair-Journey wäre einfach gewesen – das hat lange gebraucht, aber jetzt fühle ich mich wohl damit, meine Haartextur in all ihren Formen wertschätzen zu können. Das fing mit kleinen Schritten an, die mir dabei geholfen haben, meine Haare lieben zu lernen. Ich habe damit angefangen, meine Haare natürlich zu tragen, wenn ich dem Postboten die Tür geöffnet habe, so lange, bis ich meinen Afro zum Essengehen mit meinen Freund:innen getragen habe, dann zu Meetings und Vorstandssitzungen. Ich glaube, das ist eine nie endende Reise, aber ich bin sehr glücklich, an genau diesem Punkt zu sein – an meiner Beziehung zu meinen Haaren zu arbeiten und stolz darüber, eine Marke gegründet zu haben, deren Ziel es ist, die Menschen an dem Punkt ihrer Reise abzuholen, an dem sie sich befinden. Wir haben immer noch einen langen Weg vor uns, und viele der Dialoge zum Thema Inklusivität und Diversität in der Beautyindustrie sollten davon handeln, wer das Sagen hat. Denn am Ende des Tages geht es um die Verteilung von Machtstrukturen, und wenn wir es schaffen, Gruppen, die traditionell marginalisiert werden, ein Stück davon zu geben, dann können wir wirklich etwas verändern. Aktuell tut sich viel. Nicht nur im Retailbereich, auch in anderen Sektoren besteht eine Nachfrage nach offiziellen Schulungen in Bezug auf das Schneiden von Afrohaaren – die auch bei der Friseur:innenausbildung offiziell absolviert werden sollten. Viel davon ist ein Zeugnis der Frustration, die sich jahrelang aufgestaut hat und nun an die Oberfläche kommt. Es ist ein Befreiungsschlag, der sich für mich als Gründerin katarsisch anfühlt; gerade jetzt in der Lage sein zu können, so eine Marke wie Bread ins Leben zu rufen.

FIN

Archiv
Impressum / Imprint
Datenschutz / Privacy Policy
Cookie Check