MASK 4 Mask

FRIESE KANN AUCH GEIL SEIN, FINDET SHALVA UND ZIEHT IN DEN NORDEN

Mensch hält Plakathoch auf Wiese
Collage von Masken

Shalva Nikvashvili – in Georgien geboren und aufgewachsen, als Kind einer erzkonservativen Familie. Als diese von seiner Homosexualität erfährt, muss Shalva seine Heimat verlassen. Bis heute bekommt er Todesdrohungen, von seinen Verwandten, von seinem Bruder. Seine Kunst, seine Lebensweise – sie soll nicht mit dem Familiennamen in Verbindung gebracht werden. Nach einem Studium in Modedesign läuft er in Antwerpen über zur Bildhauerei. Ohne Arbeitserlaubnis, ohne finanzielle Mittel, verarbeitet er seine Vergangenheit in Fratzen. Grimassen aus Elektroschrott, Zigarettenstummeln, Barbies, zerbrochenen Sonnenbrillen, Kadavern. Für die Frühling/Sommer-2020-Kollektion von Marni entwirft er Hüte aus Müll, 2021 Masken für die Bayerische Staatsoper, 2022 arbeitet er am Wiener Burgtheater. Wer Shalva auf Instagram folgt, sieht täglich, wie sehr seine Arbeiten polarisieren. Zwischen Shitstorms und gemeldeten Beiträgen inter- viewt er Teilnehmer*innen von Chat-Roulettes und spricht mit Sexarbeiter*innen. Menschen am Rande der Gesellschaft ziehen ihn an. Ihre Geschichten verarbeitet er – wie seine eigene. In Kurzfilmen, Theaterstücken und Performances errichtet er ihnen eine Plattform. Für TUSH hat er eine Woche in seinem neuen Zuhause in Deutschland festgehalten.

WAS BESCHÄFTIGT DICH IN LETZTER ZEIT?

Vieles, deswegen habe ich beschlossen, zu entschleunigen und mich nicht mehr zu hetzen. Ich weiß, dass unsere Zeit begrenzt ist, aber ich wollte einfach nur sitzen, nicht mehr denken, mich nicht mehr kümmern, um einfach nur die Ruhe zu genießen.

DU BIST GERADE AUS BELGIEN IN DIE NÄHE VON HAMBURG GEZOGEN?

Ja, ich habe die letzten sieben Jahre in Belgien verbracht, aufgrund meiner ersten Ehe – die bisher dunkelste Phase meines Lebens. Belgien erinnert mich an den sexuellen und mentalen Missbrauch in dieser Zeit. Mein zweiter Mann Sascha ist Deutscher. Er ist erst wegen mir nach Belgien gekommen, weil es vier Jahre gebraucht hat, bis ich nach Deutsch- land ziehen durfte. Jetzt wohnen wir gemeinsam auf einem Hof in einem 325-Seelen-Dorf. Kühe, Pferde, unsere vielen Hunde; ich habe dort ein riesiges Atelier, in dem ich ganz frei arbeiten kann. Die Menschen sind nett, allerdings nur oberflächlich.

VERMISST DU DIE GROSSSTADT?

Ich reise viel. Das befriedigt mein Bedürfnis zu sehen, wie Menschen verzweifelt herumlaufen, sich in über- füllte Züge quetschen …

DU LEBST IN EXTREMEN – MANCHE AUFGE- ZWUNGEN, ANDERE BEWUSST GEWÄHLT. WIE DEFINIERST DU NORMALITÄT?

Vor einiger Zeit, als ich noch in Belgien lebte, an einem sehr warmen Sommertag, saß ich noch in meinem Atelier und arbeitete mit sehr starkem Kleber. Ich hatte vergessen, eine Maske zu benutzen, und bin natürlich von dem Kleber high geworden. Um wieder „normal“ zu werden, bin ich raus an die frische Luft. Die Straßen waren voll mit Menschen, ich habe sie mir genau angeschaut. Sie sahen verrückt aus und benahmen sich ganz komisch. Heute bin ich mir nicht mehr sicher, ob das an dem Kleber lag oder ob ich die Gesellschaft nicht grundsätzlich für verrückt halte. Vielleicht beides! Und was ich für normal halte, halten andere für verrückt. Normalität existiert nicht, wir leben alle in unserer eigenen Illusion.

WIE IST DEINE BEZIEHUNG ZU GEORGIEN HEUTE?

Ich liebe meine Heimat, sie ist wundervoll. Gutes Essen, tolle Geschichte. Aber uns trennt die Religion. Sie ist so dominant, dass sie alles zerstört, was Georgien zu bieten hat. Ich war nach neun Jahren vor Kurzem wieder dort und dachte: immer noch der gleiche Scheiß, wie früher.

IM RÜCKBLICK AUF DEIN LEBEN BISHER, MIT ALL DEN HÖHEN UND TIEFEN … WAS HAST DU BISHER GELERNT? WAS KÖNNEN WIR VON DIR LERNEN?

Das Leben ist nie so, wie Eltern es ihren Kindern erzählen. Wenn jemand sagt, das Leben sei schön, den würde ich für dumm erklären. Ich habe gelernt, stark zu sein, zu bleiben und immer weiterzugehen. Als ich noch sehr klein war, hat meine Oma mir einmal geraten: Was auch immer passiert in deinem Leben – auch wenn du mal auf kaltem, nacktem Stein landest –, du musst trotzdem immer versuchen, ein goldenes Schloss darauf zu bauen. Damals habe ich nicht verstanden, was sie mir mit diesem Spruch eigentlich mitteilen wollte. Heute ist er der Leitfaden für mein gesamtes Leben.

AUF INSTAGRAM HABE ICH EIN VIDEO GESEHEN, IN DEM DU DICH ALS HASE VERKLEIDEST UND VON EINEM JÄGER JAGEN UND ERSCHIESSEN LÄSST. ES WAR UNTERHALTSAM, SOGAR LUSTIG, UND DENNOCH HAT ES EINEN ERNSTEN UNTERTON. MAN SPÜRT EINE FREUDE IN DEINER MORBIDESTEN ARBEIT, WOHER KOMMT DAS?

Ich bin in Georgien aufgewachsen, in einer traditionellen, christlich-orthodoxen Familie. Alles war verboten! Sogar das Atmen! So hat es sich für mich angefühlt. Traditionen in einer gehirngewaschenen Gesellschaft zu beobachten, macht mich traurig und wütend zugleich. Ich habe mich wie ein Hase gefühlt, musste mich ständig verstecken, war immer auf der Flucht. Dass ich nach Europa gezogen bin, hat dieses Gefühl nicht wirklich verändert. Ich habe mich nie für meine Herkunft geschämt, aber aus Georgien zu stammen, fühlt sich hier an wie ein Hieb in den Bauch. Die ökonomische Stärke eines Landes wertet die Identität seiner Einwohner nicht auf. Hier jagen mich das Amt für Migration, das Finanzamt … Aus dem fliehenden Hasen wurde ein wütender Hase. Hahaha!

WUT BEFEUERT DEINE KREATIVITÄT?

Ein Beispiel: Wenn ich mit meinem Ehemann eine Diskussion starte, wir uns ordentlich streiten, haben wir im Anschluss immer den besten Sex. Warum? Wenn man der Wut freien Lauf lässt, alle seine Emotionen entleert, fühlt sich der Kopf ganz klar an. Die Wut weicht einer entspannten Magie, einer Sensibilität – genau da fühle ich mich am kreativsten.

UND AUSSER DER RUHE NACH DEM STURM?

Ich beobachte Menschen, um mich herum, im Internet, überall, wohin ich gehe. Wie sie reden, wie sie sich benehmen. Alles Schauspieler! Vielleicht kann nicht jeder vor der Kamera oder auf einer Bühne überzeugen, aber im Leben spielt man mehrere Rollen. Das beschäftigt mich sehr.

ICH VERFOLGE DEINEN KAMPF GEGEN DIE ZENSUR VON INSTAGRAM SCHON SEIT EINIGER ZEIT. DU POSTEST KEINE PORNOGRAFISCHEN INHALTE. WARUM, DENKST DU, WERDEN IMMER WIEDER POSTS VON DIR GELÖSCHT?

Nicht nur auf Social Media, auch Offline-Spaces, Kunst-Institutionen und Museen zensieren mich und meine Arbeit. Um ehrlich zu sein, mir gefällt das. Es bedeutet nicht, dass ich schlecht bin, sondern, dass meine Kunst gegen konservative Normen verstößt. Genau das will ich erreichen. Leider leben wir immer noch in einer heterosexuell dominierten Welt. Queer zu sein und gleichzeitig als seriöser Künstler zu arbeiten, wird oft nicht akzeptiert. Auf der anderen Seite, ohne Social Media würde ich heute nicht mit den erfolgreichsten Opern- und Theaterhäusern Europas zusammenarbeiten. Ich komme aus dem Nirgendwo. Ich habe kein Diplom, keinen Abschluss. Das Einzige, was ich gemacht habe, ist, jeden Tag zu arbeiten. Wären das die 80er-Jahre würde mich niemand kennen. Dank Social Media ist das anders. Dort kann ich nicht alles zeigen, aber auch das wird sich ändern. Wobei es schon sehr traurig ist, Kunst auf einem 10 cm großen Bildschirm zu begutachten.

DEINE ENTWICKLUNG ALS KÜNSTLER IST BEMERKENSWERT, DEINE KUNST ENTSTEHT DEUTLICH DORT, WO GRENZEN VERSCHOBEN WERDEN. WELCHE GRENZEN HAST GERADE DU IM BLICK?

Ich möchte das Establishment angehen, Regierungen, Religionen, Museen … Museen sind für tote Künstler oder solche, die nach den Regeln spielen. Aber in der Kunst sollte es keine Regeln geben.

UND WIE GEHT ES JETZT FÜR DICH PERSÖNLICH WEITER?

Seitdem ich nach Deutschland und in mein neues Atelier gezogen bin, fühle ich mich wie eine Schlange. Eine Schlange wirft ihre Haut ab, wenn sie wächst, und auch ich häute mich gerade. Ich arbeite vermehrt an Performance-Filmen, darin fühle ich mich gerade am wohlsten. So kann ich mich besonders gut ausdrücken. Das wird niemand verstehen, aber das ist auch nicht meine Absicht. Wenn jemand darunter leidet, dass seine Arbeit nicht wertgeschätzt wird, dem würde ich gerne sagen: Don’t give a fuck! Dir muss Spaß machen, was du tust – sonst macht alles keinen Sinn!

FIN

Interview SIMON RIEPE

 

Person sitz auf Stuhl mit pinken Stiefeln
Person hockt auf Bett, Kreuz
Mann mit Bart und Frauenanzug mit Brüsten sitzt in Badewanne
Im Schoß Haare und Eier, wie ein Nest
Person trägt Maske, schwarz weiß
Person in engem Jumpsuit und Schritt mit Nest verdeckt
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